Die Freiheit

Dienstag, 5. Oktober 2010

Die Wahrheit des Menschen

Rahner_Camus_livres

Es war ein eiskalter Wintertag, an dem Orélie die Treppenstufen zu der Wohnung ihres Freundes Marwin hochstieg, die sich auf der dritten Etage befand. Nach einer herzlichen Begrüβung setzte sie sich an den schon gedeckten niedrigen Couchtisch. „Auf den Kaffee musst du noch warten, er ist noch nicht durchgelaufen. Doch wird die Kollektivheizung vorerst ausreichen, damit du dich aufwärmen kannst“, spöttelte Marwin. „Ich empfinde eine wohlige Wärme“, entgegnete Orélie, „und du musst dafür keinen Finger rühren. Erinnerst du dich noch an den enormen Herd, der in der geräumigen Küche des Bauernhauses meiner Groβeltern stand und der vorwiegend mit Holz beheizt wurde? Und heute genügt ein Druck mit dem Finger auf einen Knopf, und schon wird die Wohnung beheizt.“ „Ja, das Bild eurer ausgiebig Platz bietenden Küche hat sich mir in meiner Erinnerung gut eingeprägt”, antwortete Marwin und holte den fertigen Kaffee, von dem er Orélie und sich eine Tasse voll einschenkte. Er nahm ebenfalls auf einem Sessel Platz und sagte: „Die Zeit der Kohleöfen ist vorbei, heutzutage sprechen wir von erneuerbaren Energien, was sehr wichtig ist. Aber die wissenschaftlichen Fortschritte erklären uns nicht das Wesen der Freiheit, über die ich mit dir sprechen möchte und zu der Karl Rahner schreibt: „Es wäre eine völlige Verkennung des Wesens der Freiheit, wollte man sie verstehen als das bloße Vermögen der Wahl zwischen nachträglich und beliebig gegebenen einzelnen Objekten, unter denen sich dann neben vielen anderen auch Gott befindet, so dass er unter diesen Objekten nur von seiner eigenen objektiven Eigenart, nicht aber vom Wesen der Freiheit selbst her eine besondere Rolle im Vollzug dieser Wahlfreiheit spielen würde.” „So spricht Rahner von einem „Woraufhin” der Transzendenzerfahrung und schreibt: „ Der Grund der Freiheit ist der Abgrund des Geheimnisses, das nie aufgefasst werden kann als ein bloß noch nicht Gewusstes, aber einmal Begreifbares, sondern vielmehr als das ursprünglichste Datum unserer transzendentalen Erfahrung in Erkenntnis und Freiheit, das in seiner selbstverständlichen und bleibenden Unbegreiflichkeit der Grund der Möglichkeit des Begreifens alles dessen ist, was innerhalb seines Horizonts als einzelnes begegnet.” „Und zu der menschlichen Entscheidung”, fuhr Orélie fort schreibt Karl Rahner: „Wir mögen nicht durchschauen, wie wahre kreatürliche Freiheit so gegeben sei mit ihrer Unabwälzbarkeit ihrer Entscheidung und zugleich mit der Unentrinnbarkeit dieser Freiheit aus der Souveränität Gottes, in der Gott diese kreatürliche Freiheit trägt und in ihre Freiheit setzt, aber so gerade nicht seine Souveränität mit der kreatürlichen Freiheit teilt. Wir sind frei, wir können die Verantwortung für unsere Freiheitsentscheidungen nicht auf Gott abwälzen. Aber eben diese unsere Entscheidungen sind noch einmal restlos umfasst von der Verfügung Gottes allein, die nur in ihm und in sonst gar nichts ihren Grund hat.” „Insofern schreibt Rahner zu dem Wesen der Freiheit:
„ Freiheit hat einen theologischen Charakter nicht erst dann und dort, wo Gott explizit in kategorialer Gegenständlichkeit neben anderen Objekten vorgestellt wird, sondern immer und überall vom Wesen der Freiheit selber her, weil in jedem Akt der Freiheit Gott als ihr tragender Grund und als letztes Woraufhin unthematisch gegeben ist.“
„Freiheit ist für diesen Theologen von Gott her dem Menschen zugesagt“, unterstrich Marwin, „und gleichzeitig ist Gott als das unbegreifliche Geheimnis der tragende Grund unserer Freiheit, die gleichzeitig Freiheit Gott selbst gegenüber ist. Rahner schreibt: „Für die christliche Lehre von der Freiheit ist es entscheidend, dass diese Freiheit die Möglichkeit eines Ja oder Nein gegenüber ihrem eigenen Horizont impliziert, ja dadurch erst eigentlich konstituiert wird. Und zwar gerade nicht nur in erster Linie dort, wo Gott thematisch in kategorialen Begriffen gegeben und vorgestellt wird, sondern dort, wo er in der transzendentalen Erfahrung als Bedingung und Moment an jeder personalen, auf die innerweltliche Mit- und Umwelt gerichteten Tätigkeit unthematisch, aber ursprünglich gegeben ist. In diesem Sinne begegnen wir überall in einer radikalen Weise Gott als der eigentlichsten Frage an unsere Freiheit, in allen Weltdingen und wie die Schrift sagt vor allem im Nächsten." „So müssen wir nochmals festhalten, dass Freiheit einen Selbstvollzug des Menschen einschließt”, machte Orélie deutlich.„Rahner schreibt: „Der Mensch existiert immer als der Herkünftige und Angerufene, als der – in Ja und Nein – Antwortende her von und hin zu jenem unsagbaren Geheimnis, das wir Gott nennen. Freiheit ist immer Selbstvollzug des gegenständlich wählenden Menschen in Hinsicht auf seinen Gesamtvollzug vor Gott. Der Mensch ist durch seine Seinsfreiheit immer der Unvergleichliche, der in kein System adäquat eingeordnet, keiner Idee adäquat subsumiert werden kann. Er ist in einem ursprünglichen Sinn der Unantastbare, so aber auch der Einsame und Ungeborgene, sich selber Zugelastete, der sich durch nichts von diesem einmal einsamen Selbstsein „absolvieren“, sich selbst nie auf andere abwälzen kann.“
„Zu der Freiheit als Selbstvollzug des konkret wählenden Menschen”, erklärte Marwin, „können wir aus einer biblischen Predigt Karl Rahners zitieren, in der er das Gleichnis vom Sämann aufgriff:
„Gewiss, Jesus sagt uns in der Parabel: Nicht der Same Gottes, sondern der Boden, die steinernen Herzen, sind selber schuld, dass Gottes Leben keine Frucht bringt in dürren und harten Herzen, in blindem Geist. Aber – so könnte man ja versucht sein zu antworten –, ist nicht all das auch noch einmal umfasst, gewollt oder, wenn zugelassen, eben doch von Gott herkommend? Aber Jesus sagt uns dann: Nein – Mensch –, nimm die Verantwortung für das Schicksal des Samens Gottes in deinem Herzen auf dich. Erst dann, wenn du so zugibst, dass du am Schicksal Gottes und seiner Gnade selber eine unabwälzbare, unzurückführbare, unvertretbare , unentschuldigbare Verantwortung trägst, erst dann bist du der Mensch, der so vor Gott steht, wie er stehen muss. Wir müssen in unserem Herzen Gottes Samen ein Erdreich erkämpfen, und wenn wir es tun und wenn wir sonst nach nichts fragen, dann bringt dieser Samen Gottes in unserem Herzen wirklich Frucht dreiβig-, sechzig- und hundertfach.“
„Und Karl Rahner führt auch ein konkretes Beispiel an, das zeigt inwiefern die beiden repräsentativen christlichen Kirchen in Deutschland zur Zeit des Nazismus in ihrer Freiheit versagt haben. Rahner schreibt: „Aber gerade darum geziemt es dem Christen am allermeisten, die Freiheit nicht nur des Glaubens, sondern Freiheit überhaupt zu achten. Sonst verrät er das Christentum selbst. Es ist nicht so, es darf nicht so sein, dass wir Christen nur ein Interesse an Freiheit haben, wo sie uns, das heißt religiösen oder gar kirchlichen Zwecken, Raum gewährt. Die Freiheit ist wirklich unteilbar. Ich meine, beide Konfessionen müssen im Blick auf ihre amtliche Repräsentation in Deutschland in der Zeit des Nazismus bekennen, dass sie dafür nicht genug waches und entschlossenes Verständnis gehabt haben, dass sie nicht kompromisslos den Freiheitsraum der anderen verteidigt haben. Es ist wahr, dass der eindeutigste Prüfstein dafür, ob man zur Freiheit entschlossen ist, daran erkannt werden kan, ob man diesen Raum dem anderen einräumt.”
„ Lass uns nun auf Albert Camus zu sprechen kommen“, äuβerte sich Orélie, „der zu der Freiheit schreibt: „Zu wissen, ob der Mensch frei ist, interessiert mich nicht. Ich kann nur meine eigene Freiheit erfahren.” „Und so ging es ihm darum, „zu erfahren, ob der Mensch ohne die Hilfe des Ewigen oder des rationalistischen Denkens, auf sich selbst gestellt, seine eigenen Werte schaffen kann.“
„Ja“, antworteteMarwin, „in seinem Essay Der Mensch in der Revolte empörte sich Camus gegen die Absurdität und gleichzeitig gegen die Anmaßung des Menschen, vor seiner Wirklichkeit fliehen zu wollen. Camus stellt die Forderung nach dem Leben auf, das den Menschen seine ihm eigenen Werte finden lässt.Und wenn der Mensch Solidarität zeigt und sich auflehnt, ist, wie Albert Camus schreibt, „jede Frage, jedes Wort Revolte, während in der Welt des Heiligen jedes Wort ein Gnadenakt ist. So wäre es möglich zu zeigen, dass es für den Geist des Menschen nur zwei mögliche Welten geben kann: diejenige des Heiligen oder um in der Sprache des Christentums zu sprechen: der Gnade, oder diejenige der Revolte. Kann man fern des Heiligen und seiner absoluten Werte eine Verhaltensregel finden, das ist die Frage, die die Revolte stellt.“
„Schon in seinem Roman Die Pest “, fügte Orélie hinzu, „sagt Tarrou: „Kann man ein Heiliger ohne Gott sein, das ist das einzige konkrete Problem, das ich heute kenne.“
„Albert Camus kommt zu dem Schluss und sieht es als die hauptsächliche Aufgabe des Menschen an, die Treue zum Menschen zu verteidigen. Er schreibt:
„Ich glaube weiterhin, dass unserer Welt kein tieferer Sinn innewohnt. Aber ich weiβ, dass etwas in ihr Sinn hat, und das ist der Mensch, denn er ist das einzige Wesen, das Sinn fordert. Diese Welt besitzt zumindest die Wahrheit des Menschen, und unsere Aufgabe besteht darin, ihm seine Gründe gegen das Schicksal in die Hand zu geben. Und die Welt hat keine anderen Seinsgründe als den Menschen, und ihn muss man retten, wenn man die Vorstellung retten will, die man sich vom Leben macht.“
Albert Camus verteidigt die Wahrheit des Menschen, und beruft sich dabei allein auf den Menschen. Dagegen ist die von Albert Camus verteidigte Wahrheit des Menschen für Karl Rahner schon mehr als das Werk des Menschen. Sie ist Gottes Gnade, die sich selbst schenkt. Rahner schreibt:
„Wenn alle Versuche, das einzig Wichtige, das Allumfassende, das Bleibende, das Göttliche aus dem Grund des Herzens auszugraben, gescheitert sind und es immer wieder am Ende sich herausstellt, dass das Gefundene – der Mensch ist, der sich auf die Dauer nicht anbeten kann, weil dieser Gott doch zu armselig ist, dann sagt das Wort Gottes zu diesem enttäuschten und verzweifelten Schatzgräber ruhig und sicher: Zutiefst in den Abgründen des Menschen lebt dennoch Gott, der lebendige Gott, wirklich Er selbst, nicht ein Götze, nicht bloβ ein Bild von uns selbst, sondern Er selbst, der lebendige Gott, der unendliche Gott, der heilige Gott. Er, der nicht bloβ in sich selbst die Unendlichkeit ist, sondern uns seine eigene unendliche Weite schenken will.“
„ Der Mensch ist für Karl Rahner das auf das Ganze aller möglicher Wirklichkeit sich immer schon eröffnend habende Subjekt . So schreibt Rahner: „Wenn wir unbelohnt uns ganz einsetzen und uns gleichsam von uns selbst absetzen, dann greifen wir in eine Unendlichkeit hinein, die nicht mehr empfangen werden kann, die namenlos ist. Dann greifen wir auf das heilige Geheimnis, das unser Leben durchwaltet und trägt, dann haben wir es mir Gott zu tun. Gottes Geist ist in uns, so dass wir eigentlich im Innersten schon wissen, obwohl wir blinde Toren sind, denn Er weiß, und Er ist unser; Er ist es, der in uns liebt, frohlockend liebt, liebt, nicht selbstisch begehrt; und diese Liebe ist unser, denn Gottes Geist ist die ewige Liebe Gottes, und Er ist unser, Er ist unsere Liebe, obwohl wir kalte, enge, kleinliche Herzen haben! Er ist das Lachen, das hinter unserem Weinen schon leise aufklingt, Er ist die Zuversicht, die trägt, Er die Freiheit, Er die beschwingte Seligkeit unserer Seele.“
„Ich stimme dir bei“, sagte Orélie, „das was Albert Camus die Wahrheit des Menschen nennt, ist für Karl Rahner als Gnade Gottes jedem Menschen zugedacht. Rahner schreibt: „Man kann durchaus annehmen, dass faktisch in allen oder fast allen Fällen dort, wo wirklich ein eigentlich geistig sittlich guter Akt vollbracht wird, er auch tatsächlich mehr ist als nur ein solcher Akt. Die Gnade Christi umschließt den Menschen mehr, als wir denken, sie setzt tiefer, verborgener und umfassender im Grund seines Wesens an, als wir oft meinen."
Aber der Mensch erfährt diese Gnade nicht als etwas, das er erfassen kann. Rahner schreibt: „Gott, jene Unendlichkeit, die uns sowohl befreit von der versklavenden Gewalt der menschlichen Seelenmächte als auch erhebt über die im letzten doch kümmerlichen Maβe eines harmonischen Humanismus. Man erfährt die Gnade nur, indem man sie einfach voraussetzt, indem man springt, obwohl man bloβ in den Abgrund der eigenen Ohnmacht zu fallen wähnt.“ „Und erst so können wir uns gewahr werden, dass wie Karl Rahner schreibt: „Gott das Höchste des Menschen davor bewahren, immer aufs neue bewahren, immer wieder davon erlösen muss, zum höchsten Ausdruck des Stolzes des Menschen zu werden, zur Anmaßung seiner Gottgleichheit aus eigener Kraft, zur flammenden Ungeduld, die von sich aus Gott erobern und an sich reißen will.”
Marwin sagte darauf, „dass Albert Camus es ebenfalls ablehnte, bei der Verteidigung der Wahrheit des Menschen, sich auf eine Humanität zu berufen. Er schreibt:
„Ich sage, dass ich in bezug auf das Los der Menschheit pessimistisch bin, aber optimistisch in bezug auf den Menschen. Und zwar nicht unter Berufung auf eine Humanität, die mir immer recht beschränkt vorgekommen ist, sondern im Namen einer Unwissenheit, die bestrebt ist, nichts zu verneinen.“
Und Albert Camus entschied sich daher, in seinem Leben an dem Wahren festzuhalten, zu dem er schreibt:
„Sich nicht weigern, das Wahre anzuerkennen, auch wenn das Wahre sich zufällig dem Wünschenswerten widersetzt. Zugeben, dass auch die Kraft, vor allem die Kraft überzeugt. Die Wahrheit lohnt jede Qual. Sie allein ist die Grundlage der Freude, die dieses Bemühen krönen soll. In der Freiheit und für die Freiheit leben. Zunächst die Wahrheit dessen, was man ist. Darauf verzichten, mit den Menschen Kompromisse zu schlieβen. Dann die Wahrheit dessen, was ist. Nicht mit der Wirklichkeit mogeln. Somit seine Originalität und seine Ohnmacht akzeptieren. Dieser Originalität gemäβ bis zu dieser Ohnmacht leben.“
„Auch Karl Rahner lehnte jede Art von Parteilichkeit und Anmaβung ab“, merkte Orélie an, „und er hätte Albert Camus beigestimmt, der schreibt:
„ Die abgenutzte Moral der abstrakten Gerechtigkeit abschaffen.“
„Ja,“ sagte Marwin, „insofern schreibt Karl Rahner: „Gerechtigkeit, die nicht Liebe ist, verfehlt gerade das, worauf es bei der Gerechtigkeit letztlich ankommen muss, nämlich auf den wirklichen Respekt vor dem Menschen.“ Dieser Respekt vor dem Menschen, der die Wahrheit des Menschen ausmacht, ist für Karl Rahner wiederum durch die Gnade Gottes gegeben. Und für Rahner ist es notwendig, um diese Gnade zu beten: „Wenn wir wachsen wollen in der Liebe, müssen wir nicht nur achten auf ihre leisen Regungen, müssen wir ihr nicht nur ein reines Herz bereiten, wir müssen auch um sie beten. Gott ist es, der Beginn, Wachstum und Vollendung der heiligen Liebe in uns wirkt nach seinem Wohlgefallen. Er hat uns zuerst geliebt, seine Gnade war es, die zu uns in den ersten Regungen der Liebe sprach, die allein unser Herz reinigen kann. So will Er, dass wir um seine Gnade beten: Mehre, o Gott, Deine Liebe in uns!“
Dagegen preist Albert Camus die Revolte, in der er jedoch ebenfalls der Liebe Nachdruck verleiht. Er schreibt: „Die unerhörte Groβmut ist der Revolte eigen, die ohne zu zögern ihre Kraft der Liebe gibt und unverzüglich die Ungerechtigkeit abweist. Ihre Ehre ist, nichts zu berechnen, alles an das jetzige Leben und ihre lebenden Brüder zu verteilen. So spendet sie für die kommenden Menschen. Die wahre Groβzügigkeit der Zukunft gegenüber besteht darin, in der Gegenwart alles zu geben.“
„Und in seinem Theaterstück Die Gerechten lehnt Albert Camus den Standpunkt des Revolutionärs Stepan ab, der bei dem Attentat des Großfürsten auch vor dem Tod von Kindern nicht zurückschaudern will“, machte Orélie deutlich, „Camus stellt sich auf die Seite Kaliayews, der seinen ersten Versuch, die Bombe zu werfen, unterlässt, weil die Neffen des Grossfürsten mit in der Kutsche sitzen. In seinem Essay Der Mensch in der Revolte schreibt Albert Camus zu diesem Stück: „Die Ungeduld angesichts der Grenzen, die Abweisung ihres doppelten Wesens, die Verzweiflung, Mensch zu sein, warfen sie schlieβlich in eine unmenschliche Maβlosigkeit. Da sie die echte Gröβe des Lebens leugneten, mussten sie auf ihre eigene Vortrefflichkeit setzen. Mangels Besserem haben sie sich vergöttlicht, und ihr Elend begann: diese Götter haben blinde Augen. Kaliayew und seine Brüder auf der ganzen Welt verwerfen im Gegenteil die Göttlichkeit, denn sie weisen die unbegrenzte Macht, den Tod zu geben, von sich. Sie erwählen und geben uns damit ein Beispiel, die einzige Richtschnur, die heute originell ist: leben und sterben und, um Mensch zu sein, sich weigern, Gott zu sein.“
„Dieser Richtschnur hätte auch Karl Rahner seine Zustimmung geben können“, erklärte Marwin, „weil eine Vergöttlichung des Menschen, der die unbegrenzte Macht besitzt, für ihn von vornherein ein Hirngespinst war. Doch können wir auch wieder herausstellen, dass Karl Rahner die echte Gröβe des Lebens, die die Wahrheit des Menschen ausmacht, durch die Gnade Gottes getragen sieht. Für Rahner bleibt der Mensch vor sich selbst und vor der einen und letzten Frage gestellt: „Der Mensch wird sich selber nie wirklich los. Das Ganze, Eine seiner Existenz, das er verdrängen und vergessen will im Betrieb seines Alltags, wird immer wieder aus seinem dunklen Grund hervortreten und ihm und seiner Freiheit die eine und letzte Frage stellen, wie er sich zu diesem Einen verhält, was er damit und nicht bloβ mit den tausend Einzelheiten seines Lebens anfangen will.“
„Ja“, unterstrich Orélie, „unsere Entscheidungen müssen wir selber treffen, und sie können ganz verschieden ausfallen. Doch ändert dieses nichts, wie Karl Rahner schreibt, „an der Grundüberzeugung aller christlichen Theologie, dass eine reine Absolutsetzung und Autonomie unserer Freiheit dem christlichen Gottesverständnis widerspricht.“
„Was den Zusammenhang zwischen Freiheit und Gerechtigkeit angeht, sollten wir auf Albert Camus zurückkommen, der schreibt:
„Schlieβlich habe ich die Freiheit gewählt. Denn auch wenn die Gerechtigkeit nicht verwirklicht wird, bewahrt die Freiheit das Vermögen, gegen die Ungerechtigkeit zu protestieren, und rettet so die Gemeinschaft. Die Gerechtigkeit in einer schweigenden Welt, die Gerechtigkeit der Stummen, zerstört die Anteilnahme. Es geht um das Wissen, dass wir ohne die Freiheit nichts zustande bringen und gleichzeitig die zukünftige Gerechtigkeit und die ehemalige Schönheit verlieren werden. Einzig die Freiheit erlöst die Menschen aus der Vereinzelung; die Knechtschaft dagegen herrscht über eine Unzahl von Einsamkeiten.“
„Du hast recht“, fuhr Marwin fort, „Albert Camus gibt der Freiheit und somit der Möglichkeit einer Entschlossenheit zum Protest den Vorrang, denn nur dadurch kann zugleich die Gerechtigkeit verteidigt werden.“
„Ja“, antwortete Orélie, „verkürzt können wir sagen, dass für Karl Rahner die Freiheit des Menschen die angebotene Selbstmitteilung Gottes in seiner Gnade ist. Freiheit beinhaltet immer ein Ja oder Nein des Menschen zu dem unsagbaren Gott und schließt gleichzeitig einen Selbstvollzug des Menschen ein." „Und für Albert Camus", äußerte Marwin, „geht die Freiheit Hand in Hand mit der Revolte, das heiβt mit der Notwendigkeit des Protestes, sobald die Wahrheit des Menschen bedroht ist.”


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