Dienstag, 11. Januar 2011

Das neue Jahr

Karl_Rahner_Platz
Jurik und Orélie hatten sich zum Mittagessen in einer Gaststätte getroffen und an einem in einer abgeschiedenen Ecke des geräumigen Raums stehenden Tisch Platz genommen. Sie warteten auf das bestellte Essen, und ohne es geplant zu haben, kamen sie auf Albert Camus‘ Essay Zwischen Ja und Nein zu sprechen.

„Diese Schrift enthält schon grundlegende Inhalte, die Albert Camus in seinen literarischen und philosophischen Werken wieder aufgreift und weiterentwickelt. Der Erzähler erinnert sich zur Abendzeit in einem unauffälligen Café an seine Kindheit voller Armut, an seine fast immer schweigende Mutter, und trotz ihrer Gedrücktheit bergen diese Lebenserinnerungen Empfindungen von unbeschreiblichem Glück“, begann Jurik das Gespräch, „Camus schreibt:

„Wenn es wahr ist, dass es nur verlorene Paradiese gibt, weiβ ich, wie ich das irgendwie Zärtliche und Unmenschliche benennen muss, das mich heute erfüllt. Gemessen, friedvoll und ernst kehren jene Stunden zurück, unverändert eindrücklich, unverändert aufwühlend – weil es Abend ist, eine Stunde der Traurigkeit, und weil am lichtlosen Himmel eine unbestimmte Sehnsucht steht. Jede wiedergefundene Bewegung enthüllt mich mir selbst. Denn aus jenen Stunden, die ich aus der Tiefe des Vergessens in mir aufsteigen lasse, ist mir vor allem die unversehrte Erinnerung an eine reine Empfindung erhalten geblieben, an einen in der Zeitlosigkeit schwebenden Augenblick. Das ist die einzige Wahrheit, die ich besitze.“

„Die Freude und Wehmut, die uns überkommen, wenn wir an vergangene einmalige Begebenheiten denken, sind unvorstellbar“, antwortete Orélie, „so schreibt Albert Camus:

„Wir lieben die Eigenart einer Gebärde, das Eingefügtsein eines Baumes in die Landschaft. Und um all diese Liebe wieder aufleben zu lassen, steht uns bloβ eine Einzelheit zu Gebote, doch sie genügt: der Geruch eines zu lange verschlossenen Zimmers, der besondere Klang eines Schritts auf der Straβe. Nicht anders steht es mit mir. Und wenn ich mich damals liebend selbst hingab, so war ich doch endlich ich selbst, da uns allein die Liebe uns selbst zu schenken vermag.“

„Karl Rahner nannte in einer Meditation zu Neujahr solche gelebte Augenblicke und gemachte Erfahrungen „das Geheimnis der Ewigkeit in der Zeit, den Augenblick der Fülle der Zeit oder die Sternenstunden“, und solche Stunden haben gerade in ihrer Schlichtheit und Unscheinbarkeit ihr Gewicht. Karl Rahner schreibt:

„So kann es sein, dass die gröβere Stunde, die erfülltere Zeit gegeben ist, wo das Zeichen im weiteren Sinn dafür ärmer und zweideutiger ist. Es kann sein, dass irgendeiner in einem verzichtenden Schweigen, das keiner bemerkt, in einem scheinbar kleinen Opfer plötzlich durch alle Mauern durchbricht, hinter denen bisher sein angstvoller Egoismus sich verschanzt hatte, und ausbricht in die Weiten Gottes. Vielleicht merkt er selbst nicht viel davon, dass er etwas berichten könnte in seinem Tagebuch. Er ist nur plötzlich so weit geworden, es ist nur plötzlich etwas Namenloses, Geheimnisvolles schweigend da, wie farblos und unbeschreiblich. Aber es ist alles anders. Man kann dieses Anwesende nicht neben die andern Dinge halten, die sonst den Raum des Lebens wie eine Rumpelkammer ausfüllen, man kann es nicht mit ihnen vergleichen und mit ihnen in Übereinstimmung und Abhebung zusammenordnen. Man hat verlassen, man ist ausgewandert, hat losgelassen.“

„Wenn Karl Rahner von dem Geheimnis der Ewigkeit in der Zeit spricht“, erwiderte Jurik, „sieht er es von der Ewigkeit her, denn diese Stunden sind „das werdende Ewige, das vollendete Zeitliche, nicht etwas, was „danach“ – zeitlich – kommt, weil es ja sonst auch verginge.“

„Ich stimme dir bei“, sagte Orélie darauf, „und demgemäβ schreibt Karl Rahner in seiner Meditation zu Neujahr: „Ich interessiere mich dafür, was das neue Jahr bringt. Ich interessiere mich dafür mit dem ganzen Ernst der Ewigkeit. Was da kommt, geht ja nicht wieder fort. Es kommt, um zu bleiben. Es geschieht, um zu sein, nicht um zu vergehen. Es stürzt in die Leere der Zeit, um sie zu erfüllen. Es ist das Geheimnis der Ewigkeit in der Zeit. Ich kann gar nicht so ernst nehmen, was das neue Jahr bringt, wie es genommen werden müsste. Denn solange ich mit meinem Dasein durch die rinnende Zeit verrinne, meine ich immer, es sei darin nichts als dieses. Ich muss immer wieder aufwachen: es geschieht in mir das Ewige, jetzt, auf einmal und für immer, jetzt, wo ich meine, es sei nicht so wichtig, was da läuft und davonläuft.“
„Wir können daher auch von Gnadengaben sprechen. In seiner Meditation fragt Rahner: „Von woher kommt mir eine solche Stunde aus einer Zu - kunft entgegen?“ Und er gibt die Antwort: „In dem, was auf mich zukommt, muss ich sie finden. Darin muss ich auch die vergangenen suchen. Denn nur, wenn sie darin sind, bleiben sie mir, die mir Gott in seiner Gnade auch in der Vergangenheit möge geschenkt haben.“
„Im Gegensatz dazu“, sagte Jurik, „schreibt Albert Camus: „Während wir diesen Erinnerungen nachgehen, kleiden wir alles in dasselbe unauffällige Gewand, und der Tod erscheint uns wie ein Hintergrund mit verblichenen Farben. Wir verfolgen unsere eigene Spur zurück. Wir fühlen unsere Not, und sie lehrt uns, besser zu lieben. Ja, vielleicht ist das eben das Glück, dieses mitleidige Wissen um unser Unglück. Wenn ein gewisser Grad der Not erreicht ist, führt nicht mehr zu nichts mehr, weder Hoffnung noch Verzweiflung scheinen begründet und das ganze Leben erschöpft sich in einem Bild.“

„Doch auch wenn die innere und äuβere Not den Menschen ganz erdrücken, und er nicht mehr weiter weiβ, kommt es für Albert Camus auf die Pause zwischen Ja und Nein an, fuhr Jurik fort. Er schreibt:

„Einfach – alles ist einfach im wechselnden Lichtstrahl des Leuchtturms, grün, rot, weiβ; in der Kühle der Nacht und den Gerüchen der Stadt und des Elends, die bis zu mir heraufdringen. Wenn es heute abend das Bild einer bestimmten Kindheit ist, das zu mir zurückkehrt, wie sollte ich da nicht die Lehre von Liebe und Armut annehmen, die ich daraus ziehen kann? Da doch diese Stunde gleichsam eine Pause ist zwischen Ja und Nein, verspare ich auf andere Stunden die Hoffnung oder den Abscheu vor dem Leben. Ja, einzig die Durchsichtigkeit und Einfachheit der verlorenen Paradiese fassen: in ein Bild. “

Die Pause zwischen Ja und Nein kann ein Christ eine Sternenstunde nennen“, erklärte Orélie, „doch geht aus Albert Camus‘ Sätzen hervor, dass er nicht zum Glauben an Gott gefunden hat. Er schreibt:

„Aber wo bin ich im gegenwärtigen Augenblick? Ich weiβ nicht mehr, ob ich lebe oder ob ich mich erinnere. Die Lichter des Leuchtturms sind da. Ich will diesem so gefährlichen Hang nicht mehr folgen. Freilich betrachte ich ein letztes Mal die Bucht und ihre Lichter, freilich ist das, was nun zu mir heraufdringt, nicht die Hoffnung auf bessere Zeiten, sondern eine abgeklärte, ursprüngliche Gleichgültigkeit auch mir selbst gegenüber.“

„Du hast recht“, antwortete Jurik, „auch in seiner Schrift Licht und Schatten sowie in seinen Tagebüchern spricht Albert Camus zwar von einem ewigen Lächeln und dem Geheimnis der Welt, doch erkannte er in diesem Überwältigtsein schlieβlich sich selbst. So schreibt Albert Camus:

„Es genügt, dass ein Licht zu leuchten beginnt, und verworrene, betäubende Freude erfüllt mich. Es ist ein Januarnachmittag, der mich so der Lichtseite der Welt gegenüberstellt. Überall eine hauchdünne Schicht von Sonne, die unter dem Fingernagel aufsplittern würde, die aber alle Dinge in ein ewiges Lächeln kleidet. Wer bin ich und was kann ich anderes tun, als auf das Spiel der Blätter und des Lichts eingehen? Dieser Strahl sein, in dem meine Zigarette sich langsam verzehrt, diese Lieblichkeit und diese verhaltene Leidenschaft, die in der Luft schwebt. Wenn ich versuche, zu mir selbst zu gelangen, vermag ich es nur in der Tiefe dieses Lichts. Und wenn ich versuche, diese zarte Köstlichkeit zu verstehen und zu kosten, die das Geheimnis der Welt preisgibt, finde ich im Grund des Weltalls mich selbst. Mich selbst, das heiβt jenes überwältigende Gefühl, das mich aus meiner Umgebung heraushebt.“

„Für Karl Rahner führen solche Erfahrungen weder zu dem Menschen als sich selbst, noch verflüchtigen sie sich in einer Leere“, fuhr Orélie fort, „so schreibt dieser Theologe:

„Solche Grundtaten des Lebens setzen die Hoffnung auf Endgültigkeit, auf bleibende Gerettetheit des Lebens, bejahen die erste und letzte Voraussetzung solcher Hoffnung, die wir Gott nennen. Nur in solchem Glauben wird das untergegangene Leben von uns wirklich verantwortet, wird es nicht zu einem Dünger degradiert für eine Zukunft, die selbst wieder verschwindet im leeren Nichts.“

„Indes sehnt sich Albert Camus in seinem Essay Zwischen Ja und Nein danach, dieser Welt mit einer betrübten Gleichgültigkeit zu begegnen. Er schreibt:

„Nun überzieht sich das Feuer im Herd mit Asche. Und immer noch vernimmt man das Atmen der Erde. Eine dreisaitige Gitarre lässt ihren perlenden Singsang ertönen. Eine lachende Frauenstimme mischt sich dazu. Lichter nähern sich in der Bucht – die Fischerboote vermutlich, die in den kleinen Hafen zurückkehren. Aus dem dreieckigen Stück Himmel, das ich von meinem Platz aus erblicke, ist alles Gewölk des Tages verschwunden. Von Sternen überquellend, erbebt er in einem reinen Hauch, und rings um mich regen sich langsam die leisen Schwingen der Nacht. Wie weit wird diese Nacht führen, in der ich nicht mehr mir selbst gehöre? Es liegt eine gefährliche Kraft in dem Wort Einfachheit. Und heute abend begreife ich, dass einen danach verlangen kann, zu sterben, weil gemessen an einer gewissen Durchsichtigkeit des Lebens alles belanglos ist.“
„Demgegenüber schreibt Karl Rahner in seiner Meditation zu Neujahr: „So also kommst du, neues Jahr. Ein Jahr wie alle andern auch. Ein Jahr der Plage, der Enttäuschung an mir und den andern. Wenn Gott das Haus unserer Ewigkeit baut, errichtet er schöne Gerüste, um diesen Bau aufzuführen. So schön, dass wir am liebsten in diesen wohnen und an ihnen nur das schlecht finden, dass sie wieder abgebaut werden. Diesen Abbau nennen wir dann die schmerzliche Hinfälligkeit unseres Lebens, klagen und werden melancholisch, wenn wir im Blick auf ein neues Jahr auch nichts zu sehen meinen als den Abbau des Hauses unseres Lebens, das in Wirklichkeit hinter diesen auf- und abgebauten Gerüsten still und für eine Ewigkeit auferbaut wird. Nein, das kommende Jahr ist kein Jahr der Enttäuschungen und kein Jahr der schönen Täuschungen. Es ist Gottes Jahr. Das Jahr, in dem mir Sternenstunden leise und unauffällig entgegengehen, in dem die Fülle meiner Zeit einziehen will in mein Leben. Ob ich sie bemerken werde? Oder ob sie leer bleiben werden? Weil sie mir zu klein, zu demütig und alltäglich vorkommen werden?“

Jurik schaute auf Orélie, die ihre Blicke durch die Fensterscheibe hindurch in die Ferne gleiten lieβ. Dann sagte er: „ Anstrengen brauchst du dich nicht, Sternenstunden kannst du nicht herbeirufen wollen.“ „Das weiβ ich auch ohne deine Belehrung“, antwortete Orélie mit einem verhaltenen Lächeln.


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