Die Gnade

Sonntag, 3. Juni 2012

Anonyme Christen

Christa Duris René Leynaud
Marwin nahm auf dem Balkon an dem von Orélie schon vorbereiteten Kaffeetisch Platz, und teilte ihr nach einer Weile mit, wieder mal in Albert Camus' Tagebüchern gelesen zu haben.

„Auch nachdem Albert Camus sich keine materiellen Sorgen mehr zu machen brauchte, bewahrte er das Andenken an die Jahre seiner Kindheit, die Sanftheit seiner Mutter und die häusliche Armut, derentwegen er am Gymnasium von so manchem reichen Freund, der nie zu ihm nach Hause gekommen war, überrascht oder verstohlen angeblickt wurde. Zwar riefen solche Blicke unweigerlich ein Gefühl der Scham in ihm hervor, aber er schreibt dennoch:

„In diesem Leben der Armut, unter diesen schlichten oder eitlen Leuten bin ich dem am nächsten gekommen, was mir als der wahre Sinn des Lebens erscheint.“

„Ja“, antwortete Orélie, „das Gefühl, echte Reichtümer verloren zu haben, bemächtigte sich seiner, und in seinem Essay Zwischen Ja und Nein schreibt er:

„In der Armut liegt eine Einsamkeit, aber es ist eine Einsamkeit, die jedem Ding seinen Wert verleiht. Von einem gewissen Grad des Reichtums an scheinen sogar der Himmel und die sternenübersäte Nacht selbstverständliche Güter. Auf der untersten Sprosse der Leiter jedoch gewinnt der Himmel wieder seinen ungeschmälerten Sinn: er ist eine köstliche Gnade. Sommernächte, unerforschliche Geheimnisse, in denen Sterne aufsprühten!“

„Das Wort Gnade taucht in seinen Tagebüchern öfters auf, und an einer Stelle verbindet er es mit dem Wort Wunder.

„In meiner Jugend forderte ich von den Menschen mehr, als sie geben konnten: eine beständige Freundschaft, ein unwandelbares Gefühl. Heute verstehe ich es, weniger von ihnen zu fordern, als sie zu geben vermögen: ein Zusammensein ohne Phrasen. Und ihre Gefühle, ihre Freundschaft, ihre edlen Taten bewahren in meinen Augen ihren ganzen Wert als Wunder: eine ausschließliche Wirkung der Gnade.“

„Hier sollten wir Karl Rahner zu Wort kommen lassen“, äußerte sich Marwin, „für den die Gnade „das Getragensein des menschlichen Seins und Selbstvollzugs durch die Selbstmitteilung Gottes ist.” Und so schreibt Rahner:

Diese gnadenhafte Selbstmitteilung Gottes ist von vornherein in der geistigen Wirklichkeit des Menschen gegeben. Die Gnade Gottes wird dem Menschen zuteil als wirklich schon jetzt gegebene, als angenommene und innerlich verwandelnde. Schrift und Überlieferung bezeugen dieses letzte Geheimnis unseres Daseins, dass Gott sich selbst in seiner eigenen unendlichen und unbegreiflichen Wirklichkeit, in Gnade uns mitteilt. Es gibt keinen menschlichen Selbstvollzug, in dem nicht reflex oder unreflex Selbstmitteilung Gottes, also Gnade, schon mit am Werke ist, also auch Momente der Offenbarung schon mit im Spiel sind. Es ist für den Menschen, der Gnade als ein gar nicht vermeidbares Existential seiner Existenz „hat“, gar nicht möglich, innerhalb dessen, was er reflex von sich und seiner Welt verbalisiert vor sich bringt, säuberlich zu unterscheiden, was darin der Offenbarung und was der bloß natürlichen Erkenntnis Gottes zu verdanken ist, was daran natürliche und was gnadenhaft befreiende Freiheit ist.“

„Wir können nicht unterscheiden”, hob Orélie hervor, „was natürliche und was gnadenhaft befreiende Freiheit ist, weil wir nicht richten können und wie Rahner schreibt, das letzte Urteil, das Weizen und Unkraut eindeutig scheidet, Gott allein zusteht.“ Doch schreibt Rahner von einem Urvertrauen:

„Insofern der Christ dieses sein Urvertrauen getragen weiß durch Gott selbst, nennt er diese ihm innerlichste Bewegung seiner Existenz auf Gott hin durch Gott „Gnade”. Der Christ billigt jedem Menschen, der dem Spruch seines Gewissens treu ist, diese innerste Bewegung in Gott auf Gott hin zu, auch wenn er sie noch nicht als solche reflektiert und ihre geschichtliche Erscheinung in Jesus Christus als solche selbst in der Reflexion eines ausdrücklich christlichen Glaubens noch nicht zu ergreifen vermochte.“

„Und in einer Meditation auf Pfingsten, die unter dem Titel Erfahrung des Geistes veröffentlicht wurde, schreibt Rahner zu der Transzendenzerfahrung im Menschen: Die Gott anwesend-sein-lassende Transzendenzerfahrung ist faktisch immer (wegen des Heilswillen Gottes allen Menschen gegenüber, durch den der Mensch auf die Unmittelbarkeit Gottes hin ausgerichtet wird) Erfahrung des Heiligen Geistes, gleichgültig, ob ein Mensch reflex seine unausweichliche Erfahrung des namenlosen Gottes so interpretieren kann oder nicht.” „In diesen Zusammenhang ist auch der von Karl Rahner geprägte Begriff „anonymes Christentum” einzuordnen”, sagte Marwin, „aber es muss von vornherein festgehalten werden, dass es Rahner nicht um diesen umstrittenen Begriff als solchen ging. Entscheidend ist, wie Rahner schreibt, „dass jemand in der Gnade Gottes leben kann, auch wenn er das Evangelium und die ausdrückliche Lehre des Christentums nicht gehört hat. Dort, wo ein Mensch in einem letzten Vertrauen sich und seine Existenz annimmt, wo er den Nächsten liebt, wo er sich selber in einem letzten Vertrauen auf die Sinnhaftigkeit des Daseins loslässt, und auch dort, wo er gewissermaßen die Rechnung seines Lebens nicht mehr durchführen kann, da realisiert ein Mensch das, was man ›Glaube, Hoffnung und Liebe‹ nennt. Und er ist dadurch ein gerechtfertigter Mensch. Er ist ein Mensch, in dem der Heilige Geist Gottes wohnt und wirkt, ein Mensch, der durch den Tod hindurch Gott unmittelbar als solchen finden kann. Wenn man dies ›anonymes Christentum‹ nennen will, kann man es tun. Wenn einem dieser Begriff gefährlich oder missverständlich zu sein scheint, dann mag man diesen Begriff lassen. Aber dass es außerhalb der amtlichen römisch-katholischen Kirche und außerhalb auch aller christlichen Konfessionen Menschen gibt oder geben kann, die in Gottes Gnade und Liebe geborgen sind und die durch den Heiligen Geist jene Grundwirklichkeit haben, die sakramental durch die Taufe vermittelt wird, daran kann heutzutage kein Zweifel mehr sein.“

Rahner geht von dem christlichen Grundsatz aus, der auch in seiner Meditation Erfahrung des Geistes deutlich gemacht wird, dass Gottes Zusage des Heils sich an die ganze Menschheit richtet, also auch an die Nichtchristen. Gottes Heilszusage ist universal. Karl Rahner schreibt:

„Wenn es eine Einheit der geistigpersonalen Geschichte der Menschheit gibt, ist jedes darin für alle bedeutsam, und darum ist das Ursakrament Jesus Christus schon immer aufgerichtet über alle Zeiten und Räume dieser einen Geschichte. Das Christentum ist darum für mich das Einfachste, weil es das eine Ganze des Daseins meint, dieses Ganze mit dem sterbenden Jesus gelassen und hoffend in die Unbegreiflichkeit Gottes versenkt und alle Einzelheit im Leben als solche uns überlässt, ohne auch dafür schon ein Rezept zu geben. Aber das Einfachste ist auch das Schwerste. Es ist Gnade, aber die allen angebotene Gnade.“

„Hör dir hierzu Albert Camus an“, sagte Orélie darauf, „der in seinen Tagebüchern schreibt:

„So viele Menschen entbehren der Gnade. Wie können wir ohne die Gnade leben? Wir müssen uns wohl oder übel darein schicken und tun, was das Christentum nie getan hat: uns der Verdammten annehmen.“

„Karl Rahners Theologie nimmt sich, wie wir gerade herausgestellt haben, der Verdammten an”, antwortete Marwin, „und so hat ein Christ das Recht und die Pflicht, die Erlösung für alle Menschen zu erhoffen. Rahner sagte in einem Gespräch:

„Aber wenn ich für mich die Gnade und die Vergebung Gottes erhoffe, dann habe ich auch das Recht und die Pflicht, dasselbe für jeden Menschen zu hoffen. Ich brauche als Christ also nicht die Position einzunehmen, es sei sicher, dass viele Menschen verdammt seien, und nur für mich hätte ich das Recht, etwas Besseres nämlich die Erlösung zu erhoffen.“

Orélie stimmte zu und zitierte aus Karl Rahners Vortrag, den er anlässlich seines achtzigsten Geburtstages an der Katholischen Akademie in Freiburg hielt:

„Aber wenn auch die Theologie bei uns meist nur nachdenkt, wie die kirchlich und sakramental Betreuten vor das Angesicht Gottes selber kommen, müsste sie sehr viel mehr darüber nachdenken, wie man sich einigermaßen die Odyssee aller Menschen, auch der Nichtchristen, und selbst der Atheisten so denken könne, dass sie in Gott selbst mündet. Es mag eine ungeheuerliche Anmaßung der Kreatur sein, wenn ein einzelner sich nicht retten lassen will, ohne dass er sähe, wie sein Nächster gerettet werde. Es kann aber auch ein sublimer, letztlich von jedem Christen geforderter Akt seiner Nächstenliebe sein, wenn er eigentlich nur in der Hoffnung für alle für sich selber hofft und darum darüber nachdenkt, wie die Gnade Gottes, die letztlich Gott selber in seiner Selbstmitteilung ist, wirklich über alles Fleisch und nicht nur über ein paar sakramental Gezeichnete ausgegossen ist.“

„Albert Camus lehnte es für sich nicht ab, unter der Gnade Gottes zu stehen. Aber die Christen sind seiner Meinung nach zu diesem von Karl Rahner geforderten Akt der Nächstenliebe nicht bereit. Camus schreibt:

„Glückliche Christen. Sie haben die Gnade für sich behalten und uns die Barmherzigkeit überlassen. Ich weigere mich nicht, dem Höchsten Wesen entgegenzugehen, aber ich lehne einen Weg ab, der von den Menschen wegführt. Wissen, ob wir Gott am Ende unserer Leidenschaft finden können.“

„Auch widersprach Albert Camus, wenn er von Christen beschuldigt wurde, eine pessimistische Weltanschauung zu vertreten“, brachte Marwin zum Ausdruck”, „Camus schreibt:

„Mit welchem Recht wollte ein Christ mir Pessimismus vorwerfen? Nicht ich habe behauptet, der Mensch sei unfähig, sich aus eigener Kraft zu erlösen, und auf dem Grunde seiner Erniedrigung bleibe ihm schließlich keine Hoffnung außer der auf die Gnade Gottes.“

„Für Karl Rahner kann der Mensch nur durch die Gnade Gottes erlöst werden, doch ist das Verhältnis zwischen Gott und dem Menschen für diesen Theologen nicht von der Erniedrigung des Menschen geprägt“, sagte Orélie darauf, „Rahner schreibt:

„Denn was sagt das Christentum eigentlich? Doch nichts anderes, als: das Geheimnis bleibt ewig Geheimnis, dieses Geheimnis will sich aber als das Unendliche, Unbegreifliche, als das Unaussagbare, Gott genannt, als sich schenkende Nähe in absoluter Selbstmitteilung dem menschlichen Geist mitten in der Erfahrung seiner menschlichen Leere mitteilen.“

„Und in einer Meditation über die Aussage, dass Gott mit uns ist “, schreibt Karl Rahner:

„Der Satz, Gott sei mit uns, sagt in seinem radikal christlichen Verständnis, dass wir gar nicht maßlos genug sein können in unserem von Gott durch sich selbst gegebenen Durst nach Freiheit, nach Glück, nach Nähe der Liebe, nach Erkenntnis, nach Friede und Endgültigkeit.“

„Lass uns nun zu Albert Camus‘ Antwort auf den gegen ihn erhobenen Vorwurf des Pessimismus kommen“, fuhr Marwin fort, „Camus schreibt:

„Während das Christentum in bezug auf den Menschen pessimistisch ist, ist es optimistisch in bezug auf das Geschick der Menschheit. Ich versichere, meinerseits, dass ich in bezug auf die Conditio humana pessimistisch bin, aber optimistisch in bezug auf den Menschen. Wie können sie nur übersehen, dass nie zuvor ein solcher Schrei des Vertrauens zum Menschen laut geworden ist? Ich glaube an den Dialog, an die Aufrichtigkeit.“

„Das für Albert Camus unerlässliche Vertrauen zum Menschen ist für Karl Rahner nicht nur Sache des Menschen, sondern durch Gottes Gnade gegeben. Rahner schreibt:

„Wo ein Mensch sein Leben lebt in bedingungsloser, selbstloser Liebe, in einer letzten Treue, die nicht mehr belohnt wird, in einer Verantwortung des einsamen, von niemandem mehr kontrollierten und belobten Gewissens, da vollzieht er einen hoffenden Glauben an seine bleibende Endgültigkeit, ob er es reflektiert oder nicht.“

„Hör dir hierzu folgende von Albert Camus geschriebene Sätze an“, antwortete Marwin, „die ich in seinen Tagebüchern gefunden habe, und die geradezu von Karl Rahner stammen könnten:

„Sich Gott zuwenden, weil man sich von der Erde gelöst und der Schmerz einen von der Welt getrennt hat, ist sinnlos. Gott braucht Menschen, die mitten in der Welt stehen. An eurer Freude findet er Gefallen.“
„Dem können wir ein paar Sätze von Karl Rahner hinzufügen, die er 1966 in seinem vor Studenten gehaltenen Vortrag Intellektuelle Redlichkeit und christlicher Glaube gesprochen hat: Das Christentum besteht hartnäckig und unerbittlich darauf, dass diese überhelle schweigende Finsternis, die unser Leben umschließt und alles durchdringt, die Helligkeiten nämlich und die eigenen Finsternisse, von uns nicht übersehen werde, dass wir in unserem Dasein uns nicht wegschleichen von dieser Unheimlichkeit, sondern ihr standhalten, zitternd, aber ent-schlossen auf sie hin, sie nennen bei ihrem namenlosen Namen, ohne mit ihrem Namen unsere Götzen zu schmücken. Wenn man aus „intellektueller Redlichkeit” keinen Götzen macht, wenn man nicht meint, der Skeptiker sei davor am ehesten bewahrt, Irrtum für Wahrheit zu halten, wenn man nicht meint, man könne eine theoretische Epoche auch in die Tat des Lebens hinein fortführen, dann verbietet die intellekuelle Redlichkeit gewiss nicht zu glauben, an die Wirklichkeit sein Leben zu wagen, die das Christentum hat und bekennt. Man ist dann durch diese hohe Tugend dazu nicht gezwungen, aber man ist auch durch sie ermächtigt. Denn auch sie gewinnt ihren letzten und einzigen Sinn nur, wenn sie sich vollendet im Mut zum Geheimnis des Daseins und zur Liebe.

„Hier sollten wir auch auf Albert Camus‘ christlichen Freund René Leynaud zu sprechen kommen, der am 24. August 1910 in Lyon geboren wurde und dessen Eltern aus der Ardèche stammten“, setzte Orélie das Gespräch fort, „Leynaud war Journalist und schrieb Gedichte, die Albert Camus nach dem Krieg mit einem von ihm geschriebenen Vorwort herausgab. Begegnet sind sich die beiden in der Widerstandgruppe Combat, und René Leynaud war vierunddreißig Jahre alt, als ihn französische Milizsoldaten am 16. Mai 1944 in Lyon anhielten. Da er Unterlagen der Résistance bei sich trug, unternahm er einen Fluchtversuch, der nicht gelang, weil ihm die Soldaten gezielt in die Beine schossen. Nach einem kurzen Aufenthalt in einem Krankenhaus wurde er in die Festung Montluc gebracht, die der deutschen Besatzung als Gefängnis diente. Er blieb dort bis zum 13.Juni 1944. An diesem Tag bereiteten die deutschen Besatzer die Evakuierung von Lyon vor und wählten unter den Inhaftierten neunzehn Männer aus, die aktiv an der Widerstandsbewegung beteiligt gewesen sein sollten und unter denen sich auch René Leynaud befand. Sie wurden in das Gestapo-Hauptquartier an der Place Bellecour gebracht und nach einem Verhör in einen Lastkraftwagen verfrachtet. Am Ausgang der in der Nähe von Lyon liegenden Ortschaft Villeneuve wurden sie in drei Gruppen aufgeteilt. Die erste Gruppe wurde von den Soldaten aufgefordert, sich auf einen kleinen Wald zuzubewegen und dabei wurden die sechs Männer durch mehrere Schüsse in den Rücken getötet. Die Männer der zwei anderen Gruppen wurden auf die gleiche Weise ermordet. Welcher Gruppe René Leynaud angehörte, konnte nicht in Erfahrung gebracht werden. Die Tatsachen sind bekannt geworden, weil einer der Männer sich trotz seiner entsetzlichen Verwundungen bis zu einem Bauernhaus schleppen konnte. In seinem Vorwort zu den Gedichten schreibt Albert Camus über René Leynaud:

„Da er sehr zurückgezogen lebte, ganz in der Liebe zu Frau und Sohn und in den Notwendigkeiten des Kampfes aufging, besaß er nicht sehr viele Freunde. Aber ich kenne keinen einzigen Menschen, der ihn liebgewonnen und dann nicht mit aller Kraft geliebt hätte. Denn er strahlte Vertrauen aus. Soweit dies einem Menschen überhaupt möglich ist, setzte er sich in allem, was er tat, rückhaltlos ein. Er hat nie gefeilscht, und darum ist er ermordet worden. Kräftig wie die kleinen, stämmigen Eichen seiner Heimat, war er seelisch und körperlich aus kernigem Holz geschnitzt. Nichts vermochte ihn zu beirren, wenn er einmal entschieden hatte, was richtig war. Es brauchte einen Kugelregen, um ihn zu bezwingen.“

„René Leynaud übernahm Verantwortung, auch wenn sie ihn zermalmte, und er sich nach einem besseren Leben sehnte. So schreibt Albert Camus:

„Dieser Mann entzog sich keiner Pflicht und besaß darin um so größeres Verdienst, als er die ganze Last der Pflicht fühlte. Zuweilen übermannte ihn Müdigkeit und verlieh ihm jenes verstockte Aussehen, das ihn vorübergehend der Welt entfremdete. Er war allem, was er liebte, zu nahe, seiner Frau, seinem Kind, einem bestimmten Leben, um nicht von einer Zukunft zu träumen, da diese Liebe nicht in Gefahr schweben würde und er selbst der sein könnte, der er wirklich war.“

„Zum letzten Mal sah Albert Camus ihn im Frühjahr 1944 in Paris, und sie vereinbarten miteinander, nach dem Krieg zusammenzuarbeiten. Camus schreibt:

„Leynaud sollte nach Paris ziehen und seinen guten Willen mit dem unseren verbinden.“

René Leynaud schreibt in seinem letzten Brief an Albert Camus:

„Möge Gott uns noch dieses Jahr und ein paar andere gewähren, und das Glück, derselben Wahrheit zu dienen. Das ist es, was ich Ihnen und mir für das Jahr 1944 wünsche, da mir heute daran liegt, Sie nicht von einer gewissen Idee zu trennen, die ich von mir selber hege und die hoffentlich nicht unwürdig ist.“

„In René Leynauds Beurteilung von Albert Camus kommt zum Ausdruck, was unter Karl Rahners Begriff „anonyme Christen” zu verstehen ist. Rahner schreibt:

„ So gibt es ein anonym begnadetes Humanes, das meint, reine Menschlichkeit zu sein. Wir Christen können es besser verstehen als es sich selbst. Wenn wir in der Glaubenslehre sagen, dass auch das menschlich Sittliche in seinen innerweltlichen Dimensionen der Gnade Gottes bedürfe, um groß und lange sich bewahren zu können, dann ist eben für uns Christen auch solches Humane, wo immer es sich wirklich zeigt und wo es auch außerhalb des ausdrücklich Christlichen gegeben ist, Gabe der Gnade Gottes.“

„Ich stimme dir bei“, antwortete Orélie, „ René Leynaud sah in dem Glück derselben Wahrheit zu dienen kein Privileg für sich als Christen, sondern er schloss seinen Freund mit ein.”

Und Albert Camus schreibt in seinem Vorwort zu den Gedichten von René Leynaud:

„Wenn ich indessen einen seiner Briefe abwandeln dürfte, würde ich einfach sagen, dass ich oft ein Bild um Rat frage, das er in mich gelegt hat, oder eine Kraft, die seinen Namen und sein Antlitz trägt. Die Wahrheit hat Zeugen nötig. Leynaud war einer dieser Zeugen und darum fehlt er mir heute. Mit ihm zusammen war mir vieles klarer, und sein Tod hat mich nicht nur nicht besser gemacht, wie in den Trostbüchlein zu lesen steht, sondern meine Auflehnung noch blinder werden lassen. Er hätte mir in dieser Auflehnung nicht beigepflichtet, und das ist wohl das Höchste, was ich von ihm sagen kann.“

Marwin schaute Orélie an, und sie nickte zustimmend.


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