Das absurde Denken

Sonntag, 22. Januar 2012

Intellektuelle Redlichkeit

Christa Duris Karl Rahner Albert Camus
Jurik und Orélie hatten sich auf einer Bank im Stadtpark niedergelassen und begannen von einem Vortrag zu sprechen, den Karl Rahner auf Einladung der katholischen und evangelischen Studentengemeinde der Universität Wien am 14. März 1966 gehalten hat und in dem er sagte, dass der Mensch gar nicht anders kann, als Entscheidungen zu treffen. „In diesem Vortrag gab Rahner zu verstehen, was er unter intellektueller Redlichkeit auch im Wissenschaftsbetrieb seiner Zeit verstand”, begann Jurik das Gespräch, „und er zeigte auf, dass der Mensch dem Fällen von Entscheidungen gar nicht ausweichen kann. Er sagte: „Intellektuelle Redlichkeit ist nicht dort vorhanden, wo man der Last der geistigen Entscheidung ledig wird oder besser: ledig zu werden glaubt. Es besteht die große Versuchung zu meinen; derjenige sei der intellektuell Redliche, der der skeptisch Reservierte ist, der sich nicht engagiert, keine absolute Entscheidung trifft, zwar alles prüft, aber nichts behält, der dem Irrtum auszuweichen sucht, indem er sich auf nichts endgültig einlässt.”
Orélie fügte hinzu: „Und so sagte Karl Rahner in diesem Vortrag, dessen voller Titel Intellektuelle Redlichkeit und christlicher Glaube lautet und der veröffentlicht wurde: „Intellektuelle Redlichkeit gebietet den Mut zur geistigen Entscheidung, auch wenn diese belastet ist mit all der Unsicherheit, Dunkelheit und Gefahr, die nun einmal mit der geistigen Entscheidung eines endlichen, geschichtlich bedingten Geistes verbunden ist, der um diese seine Bedingtheiten weiß und doch entscheiden muss. Überdies gelingt es gar nicht sich in einer Dimension zu halten, die vor der Entscheidung liegt. Der Versuch, neutral zu bleiben, ist also faktisch nur die Weigerung, zu den Entscheidungen reflex zu stehen, die im tathaften Vollzug des Lebens eben doch fallen, indem mindestens die Entscheidung darüber getan wird, ob man das Leben als absurd oder von einem unsagbar geheimnisvollen Sinn erfüllt sieht.”
„Ja”, antwortete Jurik, „und Albert Camus machte sich zum Fürsprecher des absurden Menschen, dem er weder Mut noch Urteilskraft abspricht und hierzu schreibt: „Ersterer lehrt ihn, ohne Widerruf zu leben und sich mit dem zu begnügen, was er hat; letztere unterrichtet ihn über seine Grenzen.”
„So schreibt Camus auch: „Das Absurde ist die hellsichtige Vernunft, die ihre Grenzen feststellt.
Trotzdem blieb Albert Camus bescheiden, denn er schreibt gleichzeitig: „Ich will wissen, ob ich mit dem, was ich weiß, und nur damit leben kann.”
„Hierzu können wir Karl Rahner aus seinem Vortrag zitieren”, antwortete Orélie, „denn in diesem sprach Rahner von einer einsehbaren existentialen Differenz, weil das geistige Dasein des Menschen grundsätzlich, immer und unausweichlich so gebaut ist, dass eine einsehbare existentiale Differenz obwaltet zwischen dem in der Tat des Lebens Implizierten und dem wissenschaftlich Reflektierten.Der Mensch kann sein Dasein gar nicht ausschließlich erbauen allein aus Elementen, die er in wissenschaftlicher Reflexion sich zu eigen gemacht hat, die er auf diese Weise geprüft hat. Und weil er die Unaufhebbarkeit dieser Differenz rational begreift, weil er weiß, dass die Tat des Lebens nicht die bloße Konsequenz reflexer Rationalität sein kann, darum ist er auch vor seinem Wahrheitsgewissen, also in „intellektueller Redlichkeit”, legitimiert und durch es verpflichtet, diese Differenz anzunehmen.” „Und Rahner veranschaulichte das von ihm Dargelegte an einem konkreten Beispiel und sagte: „Ich habe das eingesehene Recht und die Pflicht, eine politische Entscheidung zu treffen, eventuell auf der einen Barrikade, statt auf der anderen zu kämpfen, obwohl ich keine theoretische Sicherheit für die sachliche Richtigkeit meiner Entscheidung habe, die mir auch die raffiniertesten Computer, mit denen man heute selbst in solchen Fragen zu arbeiten sucht, nicht ersparen können.”
„Ja,” antwortete Jurik, „und hier hätten Albert Camus und Karl Rahner miteinander übereinstimmen können, weil sich Camus der Schwere der Entscheidungssituation bewusst war. Und Karl Rahner sprach in seinem Vortrag ja von Menschen, die wie Albert Camus diesen Mut zur Wahrheitsentscheidung aufbrachten. Rahner sagte: „Wenn man fragt, wie denn der Mensch sich diese gräßliche Situation der Entscheidungsnotwendigkeit innerhalb der genannten existentialen Differenz könne zumuten lassen, so ist nüchtern zu sagen: sie ist ihm zugemutet, und der Protest dagegen geschieht nochmals in dieser Situation und tritt nicht aus ihr heraus. Die sich so gehorsam und redlich Entscheidenden sind selbst bei gegensätzlichen Entscheidungen immer noch brüderlich untereinander näher in der Treue zu ihrem Gewissen und in dem Mut zur Wahrheitsentscheidung, als dem gegenüber, der skeptische Abstinenzpolitik auf dem Feld der Wahrheit zu betreiben sucht. Das gilt gerade dann, wenn sie beide um die dunkel-bittere Last jeder solchen Entscheidung wissen.”
„Und um diese Last wussten Albert Camus und Karl Rahner. In seinem Vortrag ging Rahner daraufhin auf die bestehende existentiale Differenz hinsichtlich des Verhältnisses zwischen intellektueller Redlichkeit und christlichem Glauben ein”, sagte Orélie darauf, „Karl Rahner sagte: „Der Glaube hat es ja mit der umfassenden Deutung des Daseins überhaupt zu tun, und der christliche Glaube macht Aussagen über alle Dimensionen des menschlichen Daseins. In diesem Fall aber ist jene existentiale Differenz zwischen dem Gemeinten und seiner Begründung einerseits und dem theoretisch-wissenschaftlich Reflektierten andererseits notwendig und unausweichlich am größten. Der Glaubende und intellektuell Redliche weiß das, darf es wissen, es anerkennen und braucht vor dieser Tatsache nicht zu erschrecken.”„Und so sagte Rahner: „Der Glaube als solcher, als Tat des geistigen Lebens, in der der letzte Daseinssinn als Wort Gottes an uns umfasst wird, hat jene freie Absolutheit und Unbedingtheit, die ihm – soll er selbst sein – zukommen müssen. Aber dazu braucht er außer dem Wort Gottes und seiner Gnade eben nicht die adäquate theoretische Eingeholtheit aller seiner Implikationen und Voraussetzungen. Er ist zunächst einfach schon als gegeben oder als real andrängende Möglichkeit da. Und als solcher rechtfertigt er sich zunächst genügend durch das, was er mitbringt: Er ist eine Tatsache des Lebens, der man sich durchaus rational berechtigt unbefangen anvertraut, solange das Gegenteil nicht gewiss geworden ist, weil man dem Leben die Chance geben muss, sich zu rechtfertigen, was es eben nur kann, wenn es vertrauensvoll gelebt wird.”
„Hier wird auch der Unterschied zwischen Albert Camus und Karl Rahner offenkundig”, gab Orélie zu verstehen, „während Rahner davon spricht, sich rational berechtigt dem unsagbaren Geheimnis unbefangen anzuvertrauen, will Camus mit seinem Verstand Gott begreifen. Aber er ist dabei nicht anmaßend, denn er schreibt: „Ich weiß nicht, ob diese Welt einen Sinn hat, der über sie hinausgeht. Aber ich weiß, dass ich diesen Sinn nicht kenne. Was bedeutet mir ein Sinn, der außerhalb meiner conditio liegt? Ich kann nur auf menschliche Weise etwas begreifen. Was ich für wahr halte, daran muss ich festhalten. Was mir so evident erscheint, auch gegen mich selbst, muss ich aufrechterhalten.”
„Albert Camus fand nicht zu dem Glauben an Gott, weil er sich Gott mit seinem Verstand nicht begreifbar machen konnte, was ihn dazu führte das Absurde die Sünde ohne Gott zu nennen. Hierbei ging er von der Verzweiflung aus, die er selber kannte, und er berief sich auf Sören Kierkegaard. Camus schreibt: Beispielsweise gibt es nichts Tieferes als Kierkegaards Ansicht, dass die Verzweiflung keine Tatsache, sondern ein Zustand sei: der Zustand der Sünde. Denn die Sünde ist das, was von Gott entfernt. Das Absurde, der metaphysische Zustand des bewussten Menschen, führt nicht zu Gott. Ich habe nicht gesagt, „schließt Gott aus”, was immer noch bestätigen hieße. Vielleicht wird dieser Begriff klarer, wenn ich das Ungeheuerliche auszusprechen wage: das Absurde ist die Sünde ohne Gott?”
„Karl Rahner gab klar zu verstehen”, sagte Jurik darauf, „dass der Mensch „Gott” nicht in sein verstandesmäßiges Kalkül einbauen kann. Rahner schreibt: „Das Christentum ist nicht die Religion, die „Gott” in das Kalkül des menschlichen Daseins einsetzt als einen bekannten, verfügbaren Posten, damit die Rechnung aufgehe. Es ist vielmehr die Religion, die den Menschen in die Unbegreiflichkeit einsetzt, die sein Dasein umfasst und durchdringt, die ihn hindert, in einer Ideologie zu meinen, es gäbe eine durchschaubare Grundformel des Daseins, die man selbst manipulieren und von der aus man das Dasein konstruieren könnte. Das Christentum ist das radikale Nein zu allen solchen „Götzen”. Es will, dass der Mensch ohne Verdrängung und ohne Hybris der Bemächtigung zu tun habe mit Gott als dem unaussagbaren Geheimnis. Es weiß, dass man von Gott nur weiß, wenn man verstummend und anbetend dieses Geheimnis erfährt. Seine religiöse Rede ist immer nur und nur wahr als letztes Wort, das das Verstummen vor dem Geheimnis einleitet, damit es da bleibe und nicht durch den Begriff von Gott ersetzt werde. Aber das Christentum weiß, dass dieses Geheimnis als die wirklichste Wirklichkeit und die Wahrheit der Wahrheiten sein Dasein durchdringt.”
„Und hier darf die Gnade nicht vergessen werden”, erklärte Jurik, „und Rahner sagte in seinem Vortrag, „Das Geheimnis, das wir Gott nennen, gibt sich selbst in seinem göttlichen Leben in wirklicher Selbstmitteilung zu eigen. Er selbst ist die Gnade unseres Daseins. Das Christentum ist das ausdrückliche und gesellschaftlich verfasste Bekenntnis dazu, dass das absolute Geheimnis, das in und über unserem Dasein unausweichlich waltet und Gott genannt wird, als vergebend und vergöttlichend sich uns in der Geschichte des freien Geistes mitteilt und dass diese Selbstmitteilung Gottes in Jesus Christus geschichtlich und irreversibel siegreich in Erscheinung tritt.”
„Dagegen schreibt Albert Camus,” fuhr Jurik fort, „dass das Absurde die einzige Grundwahrheit ist, und der Mensch mit dieser Wahrheit zurechtkommen muss. „In diesem Zustand des Absurden muss man leben. Ich weiß, worauf er gegründet ist – dieser Geist und diese Welt, die sich gegenseitig abstützen und sich nicht umfassen können. Ich frage nach der Lebensregel für diesen Zustand, was man mir jedoch anbietet, lässt seine Grundlage außer acht, verneint das eine Glied des schmerzlichen Gegensatzes und befiehlt mir aufzugeben. Ich frage, was die conditio, die ich als die meine erkenne, nach sich zieht; ich weiß, dass sie Dunkel und Unwissenheit impliziert, und man versichert mir, diese Unwissenheit erkläre alles, und diese Nacht sei mein Licht. Man gibt mir aber keine mir entsprechende Antwort, und diese mitreißende Begeisterung kann mir das Paradox nicht verbergen.”
„Und Karl Rahner,” äußerte Orélie, „sagte am Ende seines Vortrags: „Ich meine: wenn man aus „intellektueller Redlichkeit” keinen Götzen macht, wenn man nicht meint, der Skeptiker sei davor am ehesten bewahrt, Irrtum für Wahrheit zu halten, wenn man nicht meint, man könne eine theoretische Epoche auch in die Tat des Lebens hinein fortführen, dann verbietet die intellektuelle Redlichkeit gewiss nicht zu glauben, an die Wirklichkeit sein Leben zu wagen, die das Christentum hat und bekennt. Man ist dann durch diese hohe Tugend dazu nicht gezwungen, aber man ist auch durch sie ermächtigt. Denn auch sie gewinnt ihren letzten und einzigen Sinn nur, wenn sie sich vollendet im Mut über aller bloßen intellektuellen Vorsicht zum Geheimnis des Daseins und zur Liebe.”

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