Samstag, 23. Juni 2012

Das Heil

RankeWeltGeschichte
An einem lauen Nachmittag ging Orélie gemächlichen Schrittes zu dem mit Jurik ausgemachten Park. Als sie ihn aus der Ferne auf einer Bank sitzend entdeckte, beschleunigte sie ihre Schritte. Jurik schien bei der Begrüβung mit seinen Gedanken anderweitig zu sein, und Orélie fand schnell heraus, dass er über etwas nachgrübelte. Er hatte in Albert Camus' Roman Der erste Mensch gelesen, dessen Manuskript bei Camus' tödlichem Autounfall am 4. Januar 1960 in seiner Mappe gefunden wurde. Dreißig Jahre später wurde der Roman nach dem Manuskript und einer Maschinenabschrift, die seiner Frau Francine zu verdanken ist, veröffentlicht.
„In diesem Buch suchte Camus nach seiner Herkunft und so auch nach seinem Vater, den er nicht kannte, weil er im Ersten Weltkrieg bei der Schlacht an der Marne lebensgefährlich verwundet wurde und am 11. Oktober 1914 in Saint-Brieuc starb”, begann Jurik mit dem Gespräch und fuhr fort, „Albert Camus gab sich in dem Roman den Namen Jacques Cormery, und er suchte das Grab seines Vaters in dem Karree des Souvenir français auf dem Friedhof von Saint-Brieuc auf. Beim Lesen des Geburts- und Todesjahrs seines Vaters wurde er sich plötzlich bewusst, dass der hier begrabene Mann jünger war als er. Camus schreibt: „ Und die Welle von Zärtlichkeit und Mitleid, die auf einmal sein Herz überflutete, war nicht die Gemütsregung, die den Sohn bei der Erinnerung an den verstorbenen Vater überkommt, sondern das verstörte Mitgefühl, das ein erwachsener Mann für das ungerecht hingemordete Kind empfindet – etwas entsprach hier nicht der natürlichen Ordnung, und eigentlich herrschte hier, wo der Sohn älter war als der Vater, nicht Ordnung, sondern nur Irrsinn und Chaos.”
„Ja”, antwortete Orélie, „und Jacques besuchte auch den Friedhof von Mondovi, dem Dorf in dessen Geburtenregister Albert Camus' Geburt eingetragen wurde. Jacques Cormery fand die Soldatengräber in Saint-Brieuc besser in Stand gehalten als die Gräber von Mondovi, doch schreibt er: „Das Mittelmeer trennte in mir zwei Welten, die eine, wo auf abgemessenen Flächen Erinnerungen und Namen konserviert waren, die andere, wo der Sandwind die Spuren der Menschen auf weiten Flächen auslöschte. Er hatte versucht, der Anonymität, dem Leben in Armut und eigensinniger Unwissenheit zu entrinnen, er hatte nicht auf der Ebene dieser blinden Geduld ohne Sätze, ohne anderes Vorhaben als das Unmittelbare, leben können. Er hatte sich in der Welt herumgetrieben, hatte Wesen errichtet, erschaffen, verbrannt, seine Tage waren berstend voll gewesen. Und doch wusste er jetzt im Grunde seines Herzens, dass Saint-Brieuc und das, was es repräsentierte, nie etwas für ihn bedeutet hatten, und er dachte an die verwitterten, grün gewordenen Steinplatten, von denen er gerade weggegangen war, und akzeptierte mit einer irgendwie seltsamen Freude, dass der Tod ihn in seine wahre Heimat zurückführte.”
„Für Albert Camus kam es darauf an, das Dasein des Menschen und ein ihm eigenes Naturgefühl höher zu werten als die Beispiele der Geschichte. So schreibt er auch: „Indem der Mensch die Wüsten bevölkerte, jeden Streifen Strand in Grundstücke aufteilte, sogar den Himmel mit groben Flugzeugstrichen schraffierte und nur jene Gegenden schonte, wo der Mensch eben nicht leben kann, hat gleichermaβen und zur gleichen Zeit das Geschichtsgefühl nach und nach das Naturgefühl im Herzen der Menschen unter sich begraben und dabei dem Schöpfer entzogen, was ihm bis dahin zukam, um es dem Geschöpf zurückzugeben, und dies alles in einer so mächtigen und unaufhaltsamen Bewegung, dass wir den Tag voraussehen können, an dem die stille Schöpfung der Natur restlos durch die scheuβliche, aufdringliche Schöpfung des Menschen verdrängt sein wird, die vom Geschrei der Revolution und Kriege dröhnt, vom Lärm der Fabriken und der Eisenbahn, unwiderruflich schlieβlich und siegreich im Ablauf der Geschichte; und dann hat sie ihre Aufgabe auf dieser Erde erfüllt, die vielleicht darin bestand, zu demonstrieren, dass alles noch so Groβartige und Erstaunliche, was sie in Jahrtausenden zu vollbringen vermochte, nicht soviel wert war wie der flüchtige Duft der Heckenrose, das Tal der Olivenbäume, der Lieblingshund.“
„Hier können wir auf Karl Rahner zu sprechen kommen”, antwortete Jurik, „der in seinem Buch Zur Theologie der Zukunft in dem Kapitel Weltgeschichte und Heilsgeschichte Wesenszüge des Christentums herausstellte und hierbei auch einer Geschichtsauffassung widersprach, nach der die Weltgeschichte sich positiv weiterentwickelt und schließlich auf den ewigen Frieden zusteuert. Rahner schreibt:„ Das Christentum kennt keine Geschichte, die aus ihrer inneren Dynamik heraus sich in das Reich Gottes selbst hinein entwickelt, ob man dieses Reich als Reich des aufgeklärten Geistes, der völlig zivilisierten Menschen, der klassenlosen Gesellschaft oder wie immer konzipieren will. Das Christentum bestreitet, dass sich die Weltgeschichte auf den ewigen Frieden hin entwickelt, wenn dies auch nicht heiβt, dass der Krieg, der immer sein wird, gerade mit Hellebarden oder Atombomben ausgetragen werden müsse. Das Christentum weiβ, dass jeder Fortschritt in der Profangeschichte auch ein Schritt zur Möglichkeit gröβerer Gefährdung und tödlicher Abstürze ist. Die Geschichte wird nie die Stätte des ewigen Friedens und des schattenlosen Lichtes sein, sondern das Land des Todes und der Finsternis, wenn dieses Dasein gemessen wird an dem absoluten Anspruch des Menschen, den zu stellen Gott dem Menschen die Möglichkeit, ja sogar die unausweichliche Pflicht schenkt."
„Wir können festhalten, dass Albert Camus und Karl Rahner die Geschichte der Menschheit skeptisch beurteilten und sie nicht überbewerteten. Albert Camus stellte das Dasein des Menschen in den Vordergrund seiner Betrachtungen. Und hierbei wies er auf die Revolte hin, die er mit einem Pendel in der Geschichte verglich, dessen Angelpunkt eine den Menschen gemeinsame Natur bildet. Er schreibt: „Die revolutionäre Verirrung erklärt sich zunächst aus der Unkenntnis oder der systematischen Verkennung jener Grenze, die untrennbar von der menschlichen Natur zu sein scheint und die gerade die Revolte offenbart. Da das nihilistische Denken diese Grenze vernachlässigt, gibt es sich schließlich einer stets gleich beschleunigten Bewegung anheim. Nichts hält es mehr auf in seinen Konsequenzen, es rechtfertigt nun die totale Zerstörung oder die unbegrenzte Eroberung. Wenn die von der Revolte entdeckte Grenze alles verwandelt, wenn jedes Denken, jede Tat, die einen gewissen Punkt übersteigt, sich selbst verneint, gibt es tatsächlich ein Maß der Dinge und des Menschen. In der Geschichte ist die Revolte ein Pendel, dessen Schwingungen außer Rand und Band geraten, weil es seinen eigentlichen Rhythmus sucht. Aber diese Regellosigkeit ist nicht vollständig, sie vollzieht sich um einen Angelpunkt herum. Zu gleicher Zeit, da sie eine den Menschen gemeinsame Natur nahelegt, bringt die Revolte das Maß und die Grenze ans Licht, die das Prinzip dieser Natur sind.” Und so rief Albert Camus zu einer natürlichen Bescheidenheit auf. „Es gibt also für den Menschen eine Tat und ein Denken, das auf der mittleren Ebene, der seinigen, möglich ist. Jedes ehrgeizige Unternehmen erweist sich als widerspruchsvoll. Das Absolute wird nicht erreicht und vor allem nicht geschaffen durch die Geschichte. Die Geschichte kann nicht mehr zum Gegenstand des Kults erhoben werden. Sie ist nur eine Gelegenheit, die es gilt, durch eine wachsame Revolte fruchtbar zu machen.”
„Karl Rahner erteilte auch jedem Absolutheitsanspruch der Geschichte eine Absage”, antwortete Jurik, „und er wehrte sich genauso dagegen, die Geschichte zum Gegenstand des Kults zu erheben. Doch im Gegensatz zu Camus betrachtete Rahner die Geschichte in ihrem Zusammenhang mit dem Heil. Und hierbei muss festgehalten werden, dass der Mensch von sich aus nicht in der Lage ist, irgendeinen Zustand in der Geschichte und der Welt als sein Heil zu erkennen. Das Heil ist kein Besitz des Menschen und lässt sich in der Welt nicht ausfindig machen. Rahner schreibt: „Heil ist nirgends einfach in der Welt antreffbar. Es wäre sogar eine absolute Grundhäresie, wollte ein Mensch irgendeinen antreffbaren Zustand in der Welt, der schon gegeben ist oder vom Menschen selbst durch eigene Planung und Tat realisiert werden kann, als sein Heil verstehen. Das Heil als absolut transzendentes Geheimnis, als das von Gott her unverfügbar Kommende gehört zu den Grundvorstellungen des Christentums. Das vollendete Heil ist kein Moment in der Geschichte, sondern deren Aufhebung, kein Gegenstand des Besitzes oder der Herstellung, sondern des Glaubens, der Hoffnung und des Gebetes." „Doch ereignet sich Heil dennoch jetzt und zwar als Selbstmitteilung Gottes”, merkte Orélie an, „Karl Rahner schreibt: „Die Gnade Gottes wird dem Menschen zuteil als wirklich schon jetzt gegebene, als angenommene und innerlich verwandelnde und diese Gnade ist, weil sie im Grunde die Selbstmitteilung Gottes an den Menschen ist, nicht bloß Vorläufiges, nicht bloß Mittel zum Heil, oder dessen Ersatz, sondern dieses Heil selbst.”
„Und Rahner weist hier auf Jesus Christus hin: „Die Geschichte der Welt bewegt sich schon jetzt nicht bloß innerhalb der Macht der sich selbstmitteilenden Liebe, sondern auch schon im Äon der Erscheinung des Sieges, im Äon Jesu Christi, der die radikale geschichtliche Erscheinung der endgültigen Selbstzusage Gottes an die Welt und der Annahme dieser Zusage durch die Welt in substantieller Einheit ist.”
„Aber wir müssen nochmals klarlegen”, hob Jurik hervor, „dass für Karl Rahner das Heil nicht in der endgültigen Freiheitsentscheidung des Menschen angesiedelt ist. Rahner schreibt: „Das Heil ist ja nicht so die Endgültigkeit der Freiheitsentscheidung des Menschen, dass er durch seine Freiheit dieses Heil einfach schüfe. Das Heil ist Gott, ist seine Selbstmitteilung, ist Gottes Freiheitstat, die Gott selbst ist, weil es in der wirklichen Ordnung kein Heil gibt als eben Gott selbst. Dieser Gott aber in seiner freien Selbstmitteilung, im gnadenhaften Geschenk seiner eigenen ewigen Herrlichkeit muss zwar in Freiheit angenommen werden, wenn auch diese Annahme nochmals die geschenkte Tat der Freiheit des Menschen ist, die Gott in seiner Selbstmitteilung selber gibt. Aber der sich mitteilende Gott kann in seiner eigenen Wirklichkeit nur unmittelbar erfahren werden in der unmittelbaren Schau Gottes, also in einem Ereignis, das die Vollendung und Aufhebung der Geschichte und nicht ein Moment an ihr ist. Der Mensch wirkt seine Geschichte und sie fällt ungerichtet dem unerforschlichen Gericht Gottes anheim, die Geschichte birgt ihren Ewigkeitsgehalt in das schweigende Geheimnis hinein, sie kann ihn nicht selbst genießen.”
„Und deshalb schreibt Karl Rahner in seiner Schrift Wagnis des Christen: „Der Akt der Annahme des Daseins in Vertrauen und Hoffnung ist darum der Akt eines Sichloslassens in das unbegreifliche Geheimnis hinein. Der Christ kann Gott nicht als einen und durchschauten Posten in die Rechnung seines Lebens einsetzen, sondern nur als das unbegreifliche Geheimnis annehmen, schweigend und anbetend, und dieses als Anfang und Ende seiner Hoffnung und so als sein einziges endgültiges und alles umfassendes Heil.” „Und was die Geschichte betrifft, so bleibt diese für den Menschen ungedeutet und gleichzeitig Aufgabe”, machte Orélie geltend, „Rahner schreibt: „Gerade weil das Heil nicht einfach die immanente Frucht der Profangeschichte ist, ist das Christentum dieser Profangeschichte gegenüber skeptisch. Es entlässt den Menschen in seine weltliche Aufgabe, gerade weil er in der Verhülltheit und Zweideutigkeit dieser irdischen Aufgabe sein Heil als das aus Glauben wirken soll. Aber eben diese weltliche Aufgabe ist für das Christentum die immer unvollendete, die im letzten immer wieder scheiternde. Denn sie hat für den einzelnen Menschen immer eine absolute Grenze, den Tod.” „Ja”, antwortete Jurik, „doch muss der Mensch in der Profangeschichte seine Aufgabe finden. Rahner schreibt: „Und indem die Heilsgeschichte eine von ihr verschiedene Profangeschichte als solche von sich absetzt, schickt sie den Menschen in eine entmythologisierte Welt hinaus, die das Material der Aufgabe ist, die dem Menschen gestellt ist. Die Heilsgeschichte schickt also den Heilssuchenden auch in die profane Geschichte hinaus, die dunkel, ungedeutet, unübersehbar, Aufgabe bleibt, und gebietet ihm, es darin auszuhalten, sich darin zu bewähren, im Ungedeuteten an den Sinn zu glauben, so gerade Gott als das Heil anzunehmen.”

„Albert Camus betonte auch das Unerklärbare, Ungerechte und den Tod in der Geschichte,” gab Orélie zu verstehen, „Camus schreibt: „Ich erscheine als Sieger, weil ich lebe. Aber ich befinde mich in der gleichen Finsternis wie ihr, und meine einzige Zuflucht ist mein Wille als Mensch. Weit entfernt, aus der Geschichte etwas Absolutes zu machen, lehnt der Rebell sie ab und bestreitet sie im Namen einer Idee, die er von seiner eigenen Natur hat. Er weist sein Geschick zurück, und dieses ist zum großen Teil geschichtlich. Die Ungerechtigkeit, die Vergänglichkeit, der Tod offenbaren sich in der Geschichte. Wer sie verwirft, verwirft die Geschichte selbst. Gewiss leugnet der Rebell nicht die Geschichte, die ihn umgibt, in ihr versucht er vielmehr sich zu behaupten. Doch er steht vor ihr wie der Künstler vor der Wirklichkeit, er stößt sie zurück, ohne sich ihr zu entziehen. Keinen Augenblick macht er aus ihr etwas Absolutes.“ „Und so verteidigte Albert Camus in der Kunst eine allen Menschen gemeinsame Würde, er schreibt:
„Die Kunst lehrt uns zumindest, dass der Mensch sich nicht mit der Geschichte erschöpft und dass er auch in der Natur einen Lebensgrund findet. Der große Plan ist für ihn nicht tot. Seine instinktive Revolte fordert, während sie gleichzeitig den allen gemeinsamen Wert und die Würde betont, zur Stillung ihres Hungers nach Einheit beharrlich einen unverletzten Teil der Wirklichkeit, den man Schönheit nennt. Man kann die ganze Geschichte ablehnen und doch mit der Welt der Sterne und des Meers übereinstimmen. Die Revoltierenden, die die Natur und die Schönheit ignorieren wollen, verurteilen sich dazu, aus der Geschichte, die sie machen wollen, die Würde der Arbeit und des Seins zu verbannen. Diese unbotmäßige und zugleich treue Moral ist auf jeden Fall die einzige, den Weg einer wahrhaft realistischen Revolution zu erhellen. Indem wir ihre Schönheit erhalten, bereiten wir den Tag ihrer Wiedergeburt vor, da die Zivilisation in den Mittelpunkt ihrer Gedanken, fern von den formalen Prinzipien und den erniedrigten Werten der Geschichte, jene lebendige Kraft stellen wird, welche die Welt und Menschen gemeinsame Würde begründet.”

Jurik und Orélie hatten in der Zwischenzeit den Park verlassen und gingen durch die von Menschen belebten Straßen.

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