Sonntag, 8. April 2012

Jesus Christus

Christus

Das Frühjahr war eingekehrt, und Orélie, Jurik und Marwin hatten sich zum Picknicken auf einer Wiese eingefunden. Sie breiteten eine Decke aus, ließen sich auf ihr nieder und teilten die mitgebrachten Getränke sowie die mit Wurst, Schinken oder Käse belegten Brote untereinander auf. „Sonderbar“, sagte Orélie, „wir werden uns nun stärken und mir kommt bei diesem Gedanken eine Aufzeichnung aus Albert Camus‘ Tagebüchern in den Sinn, die sich auf den französischen Schriftsteller Roger Martin du Gard bezieht. Martin du Gard konnte die furchtbare Agonie seiner krebskranken Mutter nicht vergessen und litt seitdem an Selbstmordgedanken, was mehrfach dazu führte, dass er sich mit einem Revolver erschießen wollte. Er war des Lebens überdrüssig geworden, und nichts bereitete ihm Vergnügen, bis er eines Tages am Eingang eines Restaurants auf einer Menütafel das Wort Bouillabaisse las. Er verspürte einen gewaltigen Hunger auf die Fischsuppe, kehrte in die Gaststätte ein und bestellte sie. Dann aß er die Suppe mit großem Genuss. Doch danach fühlte er sich wieder eingeengt und ausgehöhlt. Albert Camus hielt in seinem Tagebuch fest: „Er lebt im Wartezimmer, schreibt er mir. Der menschlichste Mensch, dem ich begegnet bin, das heiβt der der Zärtlichkeit würdigste.“ „Kurz vor Martin du Gards Tod”, äuβerte sich Jurik, „besuchte Camus den Siebenundsiebzigjährigen, der sich wegen seines Gelenkrheumatismus selbst in seiner Wohnung nur mühsam fortbewegen konnte. Während ihres gemeinsamen Gesprächs erwähnte Martin du Gard den Tod und die Dringlichkeit, sich nicht allein gelassen zu fühlen, wobei sich seine Augen mit Tränen füllten. Einige Monate später starb er, und Albert Camus notierte am 23. August 1958 in seinem Tagebuch: „Ich sehe noch, wie dieser Mann, dem ich herzlich zugetan war, zu mir im Mai in Nizza von seiner Einsamkeit und vom Tod sprach. Er schleppte seinen schweren und gebrochenen Körper vom Tisch zum Sessel. Und sein schöner Blick... Man konnte ihn lieben, ihn achten. Tiefer Kummer.“
„Albert Camus konnte sich genauso wenig mit dem Tod abfinden”, sagte Marin darauf, „doch lieβen heimische Bilder von Algerien ein Gefühl der Erkenntlichkeit in ihm wach werden, das er in Worte einkleidete: „Der graue und sanfte Himmel. In der Mitte der Ruinen lösen die Wellenschläge des etwas unruhigen Meers das Piepsen der Vögel ab. Der riesige und schwere Chenoua. Ich werde sterben, und dieser Ort wird fortfahren, Fülle und Schönheit auszuteilen. Nichts Bitteres in dieser Vorstellung. Sondern im Gegenteil ein Gefühl der Dankbarkeit und der Verehrung. Am Morgen, in Tipasa, der Tau auf den Ruinen. Die jüngste Frische der Welt auf dem, was am ältesten ist. Dies ist mein Glaube und meiner Ansicht nach das Prinzip der Kunst und des Lebens.“
„Und in seinem Tagebuch hielt er fest: „Gewisse Abende, deren Milde sich lange hinzieht. Die Gewissheit, dass solche Abende auch nach uns wiederkehren werden, hilft uns beim Sterben. Nicht mit Skrupeln kann ein Mann groβ werden. Die Gröβe kommt, wie es Gott gefällt, wie ein schöner Tag.“
„Wir müssen klarlegen“, fuhr Marwin fort, „dass Albert Camus mit dieser Gröβe keine Ewigkeit, kein ewiges Leben in Einklang brachte. So schreibt er im Hinblick auf den Sommer in Algerien, dem Land, in dem er aufgewachsen war und in das es ihn immer wieder zurückzog: „Und leben heiβt: nicht entsagen. Das wenigstens ist die bittere Lehre des algerischen Sommers. Aber schon schwankt der Sommer und neigt sich seinem Ende zu. Nach so viel Heftigkeit und Härte sind die ersten Septemberregen wie die ersten Tränen der erlösten Erde, als empfände selbst dieses Land ein paar Tage lang etwas wie Zärtlichkeit. In dieser Zeit verbreiten die Johannisbrotbäume ihren liebeerregenden Duft über ganz Algerien – abends, wenn nach dem Regen der feuchte Leib der Erde einen Geruch wie bittre Mandeln ausströmt und ausruht, nachdem er sich den ganzen Sommer der Sonne hingegeben hat. Aufs Neue bekräftigt dieser Duft die Hochzeit des Menschen mit der Erde und erweckt in uns die einzige, wahrhaft männliche, hochherzig-vergängliche Liebe in dieser Welt.“
„Albert Camus schreibt von „der Hochzeit des Menschen mit der Erde” und „einer brüderlich – geheimen Verbundenheit mit der Erde”, die für ihn bewundernswert ist:
„Ich bewunderte und bewundere auch heute dieses Bündnis von Mensch und Erde, diese doppelte Wechselwirkung, in die mein Herz eingreifen und sein Glück diktieren darf bis zu jener genau bestimmten Grenze, wo die Erde es vollenden oder zerstören kann. Florenz! Einer der wenigen Orte in Europa, wo ich begriff, dass im innersten Kern meiner Auflehnung ein Einverständnis schlief. Unter seinem aus Tränen und Sonne gemischten Himmel lernte ich, Ja zur Erde zu sagen und in der düstern Flamme ihrer Lebensfeier zu verbrennen. Ich ertrug… aber was? Welches Wort? Welches Übermaβ? Ich ertrug die Erde!“
„Hier sollten wir auf Karl Rahner zu sprechen kommen”, sagte Jurik, „der in seine Theologie die Erde mit einbezieht und für den, wie er schreibt, das Bittgebet „die erdhafte Selbstverteidigung in das Licht und die Liebe Gottes hineinhebt.” Rahner schreibt: „Christliches Bittgebet ist ein Schrei vitalster Selbstbehauptung, unmittelbarsten Lebensdranges, ein ganz ursprünglicher, menschlicher Notschrei. Und doch ist dieses Bittgebet auch zumal ganz göttlich: Mitten in dieser Verteidigung der Erde vor und gewissermaßen gegen Gott ist Ihm, dem Unbegreiflichen, alles übergeben, lässt sich solcher Lebensdrang und solche Selbstbehauptung willig und von allen Seiten und bedingungslos umfassen von Gottes Willen. Weil das Bittgebet die irdische Not und das irdische Verlangen, die erdhafte Selbstverteidigung in das Licht und die Liebe Gottes hineinhebt, werden diese Dinge eben doch vorläufig vor dem Wesentlichen, vor Gott durchscheinend für das Höhere, hineingerissen in jene Bewegung, die alles, ob irdische Erfüllung oder irdische Not und Untergang, weiterträgt in das Leben Gottes. In dieser gottmenschlichen, geheimnisvollen Einheit von menschlichem Willen vor Gott und Ergebung in den Willen Gottes, in dieser Einheit, wo Gott den Willen der Erde nimmt, ihn in seinen Willen verschlingt und gerade so ihn bewahrt, wird dann auch die Untrüglichkeit der göttlichen Verheiβung von der Erhörung des wahren Bittgebetes möglich und begreifbar.“
„Die Erhörung wurde mit Jesus Christus offenbar, und seither ist uns verheiβen, dass unser Bittgebet von Gott erhört wird“, gab Orélie zu verstehen, „Karl Rahner schreibt: „Die Erhörung durch den Vater ist dem Sohn zu eigen, sie ist uns verheiβen als Kindern des Vaters und als Brüdern des Christus.“
„Daher hat für einen Christen, wie Rahner schreibt „diese ganze Natur- und Menschheitsgeschichte einen Sinn, einen seligen und verklärten Sinn. Aber wenn wir dies sagen, wenn wir die Unendlichkeit als den Sinn des Endlichen erklären, dann reden wir nicht bloβ von einem fernen Ideal, von dem wir als noch gänzlich unverwirklichtem vage hoffen, es möge einmal eintreten. Nein, wir sagen „Ostern“, Auferstehung. Und das heiβt: es hat schon begonnen. Die Stelle, wo solcher Anfang des vollendeten Endes erschienen ist, heiβt Jesus von Nazareth, der Gekreuzigte und Auferstandene. Es hat alles schon wirklich begonnen, gut zu werden. Es ist noch ungefähr alles unterwegs. Aber unterwegs zu einem Ziel, das nicht ein utopisches Ideal, sondern eine schon daseiende Wirklichkeit ist.“ „Und Karl Rahner stellte auch eine Vereintheit der Erde mit Jesus Christus her”, erklärte Marwin, in seiner Schrift Glaube, der die Erde liebt schreibt Rahner: „Wenn wir Jesus bekennen als aufgefahren zu den Himmeln Gottes, so ist das nur ein anderes Wort dafür, dass er uns die Greifbarkeit seiner verklärten Menschlichkeit eine Weile entzieht, und vor allem dafür, dass kein Abgrund mehr ist zwischen Gott und der Welt. Christus ist schon inmitten all der armen Dinge dieser Erde, die wir nicht lassen können, weil sie unsere Mutter ist. Er ist im namenlosen Harren aller Kreatur, die, ohne es zu wissen, harrt auf die Teilnahme an der Verklärung seines Leibes. Er ist in der Geschichte der Erde, deren blinder Gang in allen Siegen und allen Abstürzen mit unheimlicher Präzision auf seinen Tag zusteuert, auf den Tag, an dem seine Herrlichkeit, alles verwandelnd, aus ihren eigenen Tiefen brechen wird.”
„Albert Camus nannte in einem Tagebucheintrag, der gleichzeitig François Mauriac betrifft, Jesus Christus auch seinen Erlöser“, sagte Orélie darauf: „Mauriac. Bewundernswerte Macht seiner Religion: Er gelangt zur Nächstenliebe ohne den Umweg über die Groβmut. Er hat unrecht, mich unablässig auf die Angst Christi zu verweisen. Mir scheint, dass ich mehr Achtung davor habe als er, da ich mich nie berechtigt gefühlt habe, das Leiden meines Erlösers zweimal wöchentlich auf der Titelseite einer Zeitung für Bankiers zur Schau zu stellen.“
„ Albert Camus trauerte mit Jesus und schreibt: „Das Christentum vermochte uns nur so tief zu ergreifen wegen seines Mensch gewordenen Gottes. Aber seine Wahrheit und seine Gröβe hören am Kreuz auf, und zwar in dem Augenblick, da er seine Verlassenheit herausschreit. Und er war kein Übermensch, das dürfen Sie mir glauben. Er hat seine Todesangst herausgeschrien, und darum liebe ich ihn, meinen Freund, der da starb mit der Frage auf den Lippen.“
„Ja”, antwortete Jurik, „für Albert Camus war der Ruf Jesu am Kreuz „Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ entscheidend, weil mit dieser Frage Jesus die menschliche Not herausschrie. Und Karl Rahner betonte ebenso das Menschsein Jesu und schreibt:
„Jesus ist gestorben, wie wir sterben werden: in jener Finsternis, in die er das „Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?" hineinstöhnte.”
„In seiner Schrift Was heißt Jesus lieben? schreibt Rahner, dass in der Liebe zu Jesus „sich gerade jener letztlich einzig unbedingte und radikale Akt der menschlichen Existenz ereignet, in der der Mensch sich Gott ergibt und seine ewige strahlende und radikal geheimnisvolle Unbegreiflichkeit annimmt. Der, der Jesus liebt, liebt ja den, dessen Geschick er in dieser Liebe teilen will und, gerade wenn er dieses tut, ergibt er sich in Jesu Todesschicksal. Er ist bereit, alles mit dem sterbenden Herrn in die Unbegreiflichkeit Gottes hineinfallen zu lassen. Schweigend und bedingungslos, auch wenn dieser Gott finsterer zu sein scheint als die Absurdität etwa bei Sartre oder Camus.” „Und gerade im Hinblick auf den Karfreitag wandte sich Karl Rahner an die wie Albert Camus am Tod leidenden Menschen und schreibt: „Sie sollten ihre Nacht als Teil des Karfreitags des Sohnes erkennen. Wenn sie entsetzt den Eindruck haben, Gott sei tot in ihrem Herzen, dann teilen sie – o wenn sie es doch glaubend begriffen – das Todesschicksal des Gottes, der selber für sie wirklich sterben wollte, der tot sein wollte, damit sie leben und glauben, dass auch die fernste Ferne noch umfangen sein kann von der schweigenden Liebe ihres Gottes. Jesus ringt mit dem Willen Gottes bis aufs Blut und hat sich doch schon immer Ihm ganz ergeben. Er schreit seine Not empor und fühlt sich der Erhöhung schon immer gewiss. Wir wissen um das Leben Jesu, das wie unseres war, voll Mühe und Armseligkeit; wir kennen seine Liebe zu dem unbegreiflichen Gott, den er seinen Vater nannte, und zu den Menschen, die er bedingungslos liebte. Wir wissen im Glauben der Christenheit, dass er gerade durch den Sturz in den Abgrund eines gottverlassenen Todes sein Leben in die Hände Gottes bergen konnte, dass er in seinem Untergang siegte, sich und die Unbegreiflichkeit Gottes als seliges Leben fand. Wir nennen diesen Sieg durch den Tod, diesen endgültigen Aufgang durch den Untergang, seine Auferstehung. Wir blicken auf sein Leben und Sterben, und sein Geist schenkt uns die auch für uns hoffende Zuversicht, die wir den christlichen Glauben nennen. Die Antwort heiβt Jesus Christus. In ihm, Jesus von Nazareth, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, sind wir gewiss, dass weder Ideen noch Mächte und Gewalten, weder die Last der Tradition noch die Utopie unserer Zukünfte, weder die Götter der Vernunft noch die Götter unserer eignen Abgründe, noch überhaupt etwas in uns und um uns uns trennen wird von der Liebe, in der der unsagbare Gott in seiner alles umfassenden Freiheit sich selbst uns gegeben hat in Christus Jesus unserem Herrn.“
Und Albert Camus schreibt in seinem Essay Der Mensch in der Revolte : „Steig vom Kreuz herab, und wir werden an dich glauben“, riefen schon die Henkersknechte auf Golgatha. Aber er ist nicht herabgestiegen, ja er hat sich im Augenblick der qualvollsten Agonie bei Gott beklagt, dass er ihn verlassen habe. Es gibt also keine Beweise mehr, sondern nur den Glauben und das Mysterium.“ „Karl Rahner schreibt zu diesem”, sagte Jurik, „dass Jesus diese Übergabe fertiggebracht hat und darin endgültig von dem angenommen wurde, der ihm diese Übergabe gab, und dass im Gelingen dieser Übergabe bei Jesus auch uns sich Gott unwiderruflich zugesagt hat.” „Und in einem Gebet der Besinnung schreibt Karl Rahner: „Es gibt nur zwei letzte Worte: Gott und Mensch, ein einziges Geheimnis, in das ich mich völlig, hoffend und liebend, ergebe. Dieses Mysterium ist ja in seiner Zwiefalt wahrhaft eines, es ist eins in Dir, Jesus Christus. „Und so schreibt Karl Rahner auch: „Man braucht sich nur auf diesen konkreten Menschen liebend und unbedingt einlassen. Dann hat man alles. Freilich muss man mit ihm zusammen sterben. Aber diesem Schicksal entrinnt keiner. Warum also nicht mit ihm, indem man in einem mit ihm sagt: Mein Gott, warum hast Du mich verlassen, und: in Deine Hände befehle ich meinen Geist?“
Es entstand eine Pause, in der Orélie, Jurik und Marwin bemerkten, dass sie ihr Picknick längst beendet hatten, sie räumten die Reste zusammen und brachen auf.


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